17.11.2016

Integrale Diagnostik : Von den Schöpfungsmythen bis zur Moderne

Eine ganzheitliche Sicht auf Gesundheit und Krankheit, auf Patienten und deren Bedürfnisse - auf den ersten Blick erscheint dies eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte zu sein. Blickt man aber zurück, prägt genau diese Sichtweise die Geschichte der Medizin von Ihren Anfängen bis hin in die Moderne.


Die Idee elementarer Modelle ist wohl so alt wie dieMenschheit selbst. Allen gemein ist es, dass sie einen differenzierten Blick auf Menschen ermöglichen– sie gehen alle davon aus, dass Menschenauf die gleiche Situation unterschiedlich reagieren, weil sie unterschiedlich „gestrickt“ sind– also eine unterschiedliche Konstitution haben. Aber auch in der Unterschiedlichkeit gibt es Ähnlichkeiten– sie werden durch elementare Modellintegral-diagnostisch beschrieben. Die bekanntesten und die am meisten erforschten werden im Folgenden vorgestellt. Neben dem bei uns im Westen gebräuchlichen Modell der 4 Elemente, steht das alchemistisch geprägte 3 Elemente Modell, das sich auch in den drei Bioenergien des Ayurveda wieder findet. Daneben weit verbreitet und– wie Ayurveda auch mitetlichen Forschungen belegt – tritt das 5 Elemente-Modell der Chinesischen Medizin. Unserem modernen Geist mag ein elementares Verständnis vielleicht zunächst schwer zugänglich sein, hat man es sich aber erst einmal erschlossen, ist es in jeder Lebenslage von Nutzen, denn es lehrt uns eine äußerst differenzierte Wahrnehmung. Allen Systemen gemein ist der Anspruch den Menschen differenziert wahr zunehmen. Sie sind so eine wertvolle Hilfe der der Sicht auf die Arbeit mit Menschen – ganz gleich ob in der Beratung, Therapie oder anderen Segmentender sozialen Arbeit.


Am Anfang stehen – die Schöpfungsmythen

Am Anfang des Seins sehen alle Kulturen das Eine, ein Element, das oft als Gott personifiziert wird. Judentum, Christentum, wie auch der Islam und der zoroastrische Glaube gehen von einem Gott, als dem Schöpfer aus. So heißt es in der Bibel: „Denn so spricht der HERR, der den Himmelgeschaffen hat – er ist Gott; der die Erde bereitet und gemacht hat – er hat sie gegründet; er hat sie nicht geschaffen, dass sie leer sein soll, sondern sie bereitet, dass man auf ihr wohnen solle:“ Jesaja 45,18 und „siehe, er ist‘s, der die Berge macht und den Wind schafft; er zeigt dem Menschen, was er im Sinne hat. Er macht die Morgenröte und die Finsternis“ Amos 4,13


Im Koran findet sich die Schöpfungsgeschichte in verschiedenen Abschnitten wieder. Dort heißt es– in einer ungefähren Übersetzung ins Deutsche:„Euer Herr ist Gott, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschuf.“ und „Er ist es, Der Himmel und Erde in sechs Tagen erschuf. Vorher war alles nur Wasser, das Gottes Allmachtumfasste.“


In der heidnisch germanischen Tradition sah man am Anfang eine Art Nichts – Ginnungagap (Gähnende Kluft). In dieser Kluft entstand im Süden das Reich des Feuers Muspelheim, im Norden das Kältereich Nifheim in dessen Zentrum der Brunnen Hwergelmir war, aus dem wiederum die elf Flüsse Elivagar entsprangen. Die Flüsse traten über die Ufer und wurden im Kältereich gefroren. Das Feuer des Reiches Muspelheim brachte das Eis zum Schmelzen und aus einem Tropfen entstanden der Urriese Ymir und die Urkuh Audhumbla.


Die griechische Tradition (nach der Theogonie Hesiods) sah am Anfang das Chaos (Gähnende Leere), aus dem die Erde Gaia und die Liebe Eros entsprangen.


In der indischen Tradition ist dieses Urelement Purusa (Persönlichkeit Gottes) eine Art Ur-Äther. Tag und Nacht des Schöpfers Brahman stehen für kosmische Perioden der Manifestation und Nichtmanifestation. Im 8. Gesang der Baghavad Gita heißt es in etwa übersetzt: „Die, denen Brahmans Tag bekannt, der tausendWeltenalter währt, und Brahmans Nacht, die grad so lang, die kennen wahrhaft Tag und Nacht. Aus dem Unsichtbaren entspringt das Sichtbare, wann kommt der Tag, Wann kommt die Nacht, dann löst sich‘s auf im Innern, das unsichtbar heißt. Der Wesen Schar, die immer neu geworden ist, sie löst sich auf, Wann kommt die Nacht, doch unbedingt ersteht sie neu, wann kommt der Tag.“


Die chinesischen und japanischen Schöpfungsmythensehen eine Art Ei (eine Art Urerde) als Ursprung allen Seins. Das Kojiki – eine japanische Variante der Schöpfungsgeschichte –beschreibt die Entstehung des Himmels und der Erde in deren „Zeugung“ durch das Urgötterpaar Izanagi und Izanami. Kinder des Urgötterpaares sind die Sonnengöttin Amaterasu und ihr Bruder der Sturmgott Susanoo.


Durchgehend zu beobachten ist bei allen Schöpfungsmythen die Polarität oder die Dualität: Ob durch Gott geschaffen oder aus dem Nichts: Es entsteht Himmel und Erde, Männlich und Weiblich, Tag und Nacht, weiß und schwarz, Yin und Yang, der Urriese Ymir und die Urkuh Audhumbla,– um nur einige Beispiele zu nennen. Hiervon ausgehend entwickelten verschiedene Kulturen die Idee der Dreigliederung, die vier oder die fünf Elementelehre. Die Dreigliederung der alchemistischen Tradition geht von einer Art „Bote“ (Mercurius) zwischen dem weiblichen (Sal) und dem männlichen Element (Sulfur) aus:


Elemente

Ausgehend von der Polarität kann man die Idee der erneuten Zweiteilung der Pole in die vier Elemente gut nachvollziehen: das Schwere teilt sich in das Feste und das Flüssige auf: Die Elemente Erde und Wasser entstehen hierdurch. Das Leichte trennt sich in das substanzverwandelnde Heiße und das bewegliche Trockene: Die Elemente Feuer und Luft werden hierdurch geprägt. Aus dieser Typologie entstanden etliche Modelle der Wahrnehmung menschlichen Seins. Sie finden sich in etlichen Systemen beginnend bei den ersten Schriften der Medizin bis hin zur Moderne. In Ayurveda und Traditioneller Chinesischer Medizin finden wir neben den weit später entstandenen Schriften des Paracelsus wichtige Quellen des integralen Anatomie- und Physiologieverständnisses wieder, die die Arbeit besonders im Bezug auf Prävention und Heilkunde unterstützen.


Ayurveda

Die ältesten bekannten medizinischen Schriften stammen aus Indien. Der Ursprung dieser vedischen Schriften des Ayurveda wird – je nachQuelle – mit einem Alter von mindestens 5.000 –3.500 Jahren angegeben. Das Wort Ayurveda setzt sich aus den Sanskrit-Begriffen Ayus (Leben) und Veda (Wissen) zusammen. Es wird – je nach Autor – mit dem Wissen vom langen Leben oder schlicht mit „Wissen vom Leben“ übersetzt. Der Legende nach wurde Ayurvedavor etwa 5000 Jahren von den Rishis, heiligen Männern Indiens, erkannt und in Versform niedergeschrieben. Noch heute lernen Ayurveda-Ärzte während ihres Studiums diese Verse auswendigund heilen nach mehr als 2000 Jahren immer noch erfolgreich auf Grundlage dieser grundsätzlichen Erkenntnisse. Die ersten vedischen Schriften zeugen noch von einem magisch-mythologisch geprägten Weltbild, während im Weiteren etliche präzise medizinische Darstellungen folgten. Der Ayurvedakennt 8 medizinische Fächer, die den modernen Fächern erstaunlich ähneln.

  • > Kayacikitsa (Allgemeinmedizin)
  • > Balacikitsa (Pädiatrie)
  • > Bhutavidya (Psychiatrie)
  • > Salakyatantra (in etwa Fachbereich HNO)
  • > Salyatantra (Chirurgie)
  • > Agadatantra (Toxikologie)
  • > Rasayana (Verjüngung, Gerontologie)
  • > Vajikarana (Sexualmedizin)

Der Ayurveda war stets fester Bestandteil der indischen Volksmedizin. Während der englischen Besatzungszeit wurde er etwas zugunsten der „english medicin“ – der Schulmedizin – zurückgedrängt, erlebt aber seit vielen Jahren eine vitale Wiederbelebung in Indien wie auch in der westlichen Welt.

Nach ayurvedischer Sicht kommt jeder Menschmit einer bestimmten Konstitution auf die Welt(Prakriti). Diese wird bestimmt durch die Doshas (Bioenergien Vata, Pita, Kapha) , die wiederumaus dem Verhältnis der Mahabuthas – der 5 Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther bestimmt werden. Die Grundkonstitution Prakriti verändert sich im Laufe des Lebens durch verschiedene Faktorenhin zur Vikriti, aus der Feststellung beider kann der erfahrene Ayurveda-Praktizierende die vorliegenden Störungen erkennen.


Chinesische Medizin

Etwa 2000 vor Christus finden sich die ersten Schriften der Traditionellen chinesischen Medizin(TCM), die stark durch den Ayurveda beeinflusst wurde. Ausgangspunkt der chinesischen Lehre ist das Verständnis der Lebensenergie Qi. Neben der sehr bekannten Akupunktur sind Moxibustion, Pharmakologie, Diätetik und körpertherapeutische Anwendungen wie Tuina oder das aus Japan stammende Shiatsu sowie Bewegungsformenwie Qi Gong oder Taijiquan wichtige Anwendungsgebiete der TCM. Die Lebensenergie Qi wird zunächst als Spannungsdynamikim Gleichgewicht der Pole Yin und Yang gesehen.

Auch die chinesische Medizin kennt das Systemder 5-Gliederung, die allerdings hier als fünf Wandlungsphasen bezeichnet werden und damit die deutlich stärker auf die Dynamik ausgerichtete chinesische Sichtweise reflektieren. Die Wandlungsphasen werden in einem Nährungszyklus und in einem Schwächungszyklus beschrieben:

Im Nährungszyklus (zyklisch im Uhrzeigersinn)nähren die Elemente in ihrer Reihenfolge einander, sie stehen etwa in der Relation wie Eltern zu Kindern: Wasser nährt Holz, Holz nährt Feuer und so fort. Im Schwächungszyklus wirken die Elemente umgekehrt, so dass jedes Element sich durch Schwächung seines Vorgängers entwickelt (zyklische Relation entgegen dem Uhrzeigersinn). Durch das Begreifen der Elemente als Wandlungsphasenergibt sich eine andere Sichtweise auf deren Qualität, was auch zu anderen Ergebnissen in den Zuordnungen führt. Versucht man die fünf Wandlungsphasen bzw. die fünf chinesischen Elemente unmittelbar auf die vier Elemente der westlichen Tradition oder auch die fünf Elemente des Ayurveda zu übertragen, so gilt es deren Qualitäten zu ergründen und zu erfassen. Namentlich entspricht alleindas Wasserelement jeweils der gleichen Qualität. Wie in Indien war die TCM Jahrhunderte lang Volksmedizin. Sie wurde im letzten Jahrhundertkurzzeitig stark zurückgedrängt und erlebt seiteinigen Jahrzehnten überwiegend als Komplementärverfahren eine neue Blüte.


Das alte Ägypten – Medizin der Pharaonen

In der Hochkultur des alten Ägypten glaubte man vor 5000 Jahren an eine göttliche Medizin. Thot wurde als Gott der Ärzte verehrt und der Uni versalgelehrte Imhotep wurde posthum nebenseiner Tätigkeit als Baumeister und Ratgeber des Pharao als Begründer der ägyptischen Medizin als Gott angesehen. Das medizinische Wissen war erstaunlich präzise:

das Herz wurde als zentrales Organ angesehen, das mittels Kanälen den Körper versorgte. Grundlageder Erkenntnisse bildete die Vier Elementelehre von Erde, Wasser, Feuer und Luft, der die Körperfunktionen analog zugeschrieben wurden. Die Heilkundigen spezialisierten sich, es entstand ein weitgehend standardisiertes staatlich überwachtes Medizinsystem. Die Pharmakologie war gut entwickelt: der berühmte Ebers Papyrus enthält eine umfassende Sammlung von Rezepturen für Arzneien pflanzlicher und mineralischer Herkunft, die beispielsweise als Pillen, Lotionen oder Abkochung auf unterschiedliche Art und Weiseverabreicht wurden. In den Rezepturen befinden sich Arzneien wie Rizinus als Abführmittel, die auch heute noch angewendet werden. Die altägyptische Medizin wurde auch im Auslandhoch geschätzt. So wurden ägyptische Heilkundig ein andere Länder berufen. Durch den Niedergang des ägyptischen Reiches ging zwar etliches dieses Wissens verloren, vieles wurde aber durch antike Autoren überliefert und bildete so eine wichtige Grundlage der persischen und westlichen Medizin.


Die griechischen Philosophen – vom Mythos zum Logos

Der griechische Philosoph Empedokles * ca.490 v. Chr. prägte, nachdem die europäischen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit jahrhundertelangvon mythologischen Vorstellungen beeinflusst wurden, nachhaltig die moderne Philosophie:

Empedokles prägte maßgeblich die Vier-Elemente-Lehre von Feuer, Erde, Luft und Wasser und inspirierte damit spätere Philosophen wie Platon. Dabei sah er Liebe (Philotes) und Hass (Neikos) als Urkräfte, die die vier Elemente zusammen bringen und trennen. Dadurch entstünden Lebewesen und Dinge immer wieder neu in der Welt (Sphairos). Ergab mit seiner Evolutionstheorie einen Anstoß zur Entwicklung der modernen Biologie. Etwa 30 Jahre später – um 460 v. Chr. Wird Hippokrates geboren. Auf den griechischen Arztgehen mindestens 61 Schriften (Corpus Hippokraticum) zurück, von denen allerdings etliche nicht von ihm stammen dürften. Die von ihm geprägte koische Schule wendet sich von den überkommenen magisch-religiösen Vorstellungen radikal ab und erklärt Krankheiten naturphilosophisch aus dem Ungleichgewicht der vier Elemente bzw. Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle). Symptome werden nicht mehrübernatürlichen Ursachen zugeschrieben, sondern sie dokumentieren das Bestreben des Körpers, kranke Säfte unschädlich zu machen und auszustoßen. Krankheit wurde als Ungleichgewicht der Körpersäfte interpretiert. Hier findet sich also ein früher Ansatz der Salutogenese. Der ArztSpezialcampus Spiegel 1/2015 31kann den Selbstheilungsprozess durch Lebensumstellung, Diät, Arzneimittel und operative Eingriffe unterstützen. Aus der hippokratischen Säftelehre waren zahllose Behandlungsmaßnahmen begründet, insbesondere die bis in die frühe Neuzeitübliche Anwendung von Aderlässen, Schröpfköpfen und Abführmitteln. Auch die Temperamenten lehre mit ihrer Unterscheidung in Melancholiker(schwarze Galle dominiert), Choleriker (gelbe Galle dominiert), Sanguiniker (Blut dominiert)und Phlegmatiker (Schleim dominiert) geht darauf zurück. Hippokrates vertrat außerdem die Auffassung, dass zwischen Körperbau und Charakter ein Zusammenhang besteht. Er ordnet die Elemente, wie schon sein Vorgänger Empedokles, anders als die indische Tradition. Hippokrates Zeitgenosse der griechische Philosoph und Sokrates Schüler Platon forschte weiter an den Elementen und ordnete ihnen unter anderem verschiedene Körper zu. Etwa 129 wurde in Pergamon der griechische Arzt und Anatom Galenos von Pergamon geboren. Vom Vater zunächst in die aristotelische Philosophieeingeführt, beschäftigte er sich ab etwa 146mit Medizin. Er reiste viel nach Alexandria, dem damaligen Zentrum moderner Medizin, wo vermutlich als einzigem Ort der Antike Humansektionen durchgeführt wurden. Galenos kann als wichtiger Vertreter des harmonischen Gleichgewichts zwischen Komplementärverfahren und Schulmedizin angesehen werden, da er die empirische Tradition des Hippokrates, die Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte zurückführte, verband mit der dogmatischen alexandrinischen Tradition, die Krankheiten auf Veränderungen des Körpers zurückführte. Er prägte mit dieser Synthese die Medizin nachhaltig und seine Ansichten galten bis in die Renaissance. Seine anatomischen Forschungen galten bis ins16. Jahrhundert als absolute Autorität. Erst etwa 1540 wurde erkannt, dass er vermutlich nie selbsteinen Menschen seziert hatte und seine Erkenntnisse korrigiert werden mussten. In der Diagnose legte er großen Wert auf die Untersuchung des Puls und des Urins sowie auf die Humoralpathologie, die auf den vier Elementen basiert. Mit der Verbreitung des Christentums in Europaentsteht eine neue medizinische Tradition: Die Klostermedizin. Ausgehend vom Orden desHeiligen Benedikt greifen die Nonnen und Mönche auf die Humoralpathologie und damit auf die Vier Elemente zurück. Studiert werden die Werke von Hippokrates, Galenos oder Dioskurides. Das älteste erhaltende Werk der Klostermedizin ist das „Lorscher Arzneibuch“, eine medizinische Handschrift aus dem 8. Jahrhundert. Die Mystikerin Hildegard von Bingen befasste sich nebenanderen Bereichen wie Musik auch mit Heilkunde. Etliche Enzyklopädien und Kompilationen zeugenvon dem umfassenden Wissen, das in den Klöstern gesammelt wurde. Die Hildegardmedizin erfreut sich in den letzten Jahren wieder großer Beliebtheit. Seit 1999 versucht die ForschungsgruppeKlostermedizin die alten Erkenntnisse für die Neuzeit zu übersetzen.


Die Schule von Salerno

Die Scuola Medica Salernitana, die etwa sich seit dem 9. Jahrhundert bis 1811 im süditalienischen Salerno herausbildete zunächst als autonome Lehrstätte, später in die Universität von Salerno eingebunden Medizinerinnen und Medizineraus. Süditalien hatte lange unter griechischem Einfluss gestanden. Die griechischen Philosophen aber auch persisch stämmige Lehrer wie Avicenna bildeten die Grundlage der in Salerno vermittelten Medizin. Die Lehre basiert auf den vier Elementen, denen Konstitution, Krankheiten und Kräuter bzw. Behandlung zugeordnet werden. Bei einem der Hauptwerke der Medizinischen Schule von Salerno „Regimen Sanitatis Salernitanum“ (verfasst um das Jahr 1050) handelt es sich um eine in lateinischen Versen verfasste Sammlung von Anweisungen zu Hygiene, Gesundheit und langem Leben, die in mehrere Fremdsprachen übersetzt und somit weit verbreitet wurde. Die darin enthaltenen Regeln beeinflussten das Leben der Europäer über Jahrhunderte. Sie bieten Lösungen zu jedem Schmerz an und erklären, wie man gesund leben kann, indem man die von der Natur bereitgehaltenen Güter richtig gebraucht. Wir finden somit in diesem Ansatz eine frühe Form der Ökologie.


Paracelsus

Der Arzt Paracelsus * 1493 (Theophrastus Bombastusvon Hohenheim) übte starke Kritik an der damals üblichen Heilkunde, bei der Patienten oftmals so intensiv zur Ader gelassen wurden, dass sie dies nicht überlebten. Mit dem Satz „Wo die Krankheit, da das Heilmittel – Ubi malum, ibiremedium“ prägte er eine heute wieder moderne Ansicht. Neben der Medizin bezog Paracelsus Erkenntnisseder Alchemie, der Volksheilkunde, der Religion und der Astrologie in seine Heilkunde ein. Paracelsus ging davon aus, dass der Mensch– das Individuum als Teil des großen Ganzen(Makrokosmos) begriffen werden müsse. Er beschrieb verschiedene Ursachen von Krankheiten (Entitäten) resultierend aus astralen, giftigen, konstitutionellen, spirituellen oder göttlichen Einflüssen. In seiner Signaturenlehre ergründete er das Wesen der Pflanzen, um deren Heilwirkung zu verstehen. Er ging hierbei, wie auch schon Hippokrates, vom Ähnlichkeitsgrundsatzaus, der später die Homöopathie Samuel Hahnemanns prägte.


Arabischer Kulturraum

In Persien und der arabischen Welt basierte die Medizin überwiegend auf den Erkenntnissen des alten Ägypten. Diese wurden allerdings ergänzt um Heilpflanzen aus Persien, Indien und China. Mit der Verbreitung des Christentums in Europa entsteht eine neue medizinische Tradition: die Klostermedizin. Ausgehend vom Orden des Heiligen Benedikt greifen die Nonnen und Mönche auf die Humoralpathologieund damit auf die Vier Elementezurück.Spezial32 campus Spiegel 1/2015.


Die Phytotherapie entwickelte sich sicher umso tiefgreifender als die Berufe des Arztes und desApothekers getrennt waren. Persische Pharmazeuten wurden schnell berühmt für ihre hervorragenden Destillationen und Pflanzenauszüge. Noch heute gelten persisches ätherisches Rosenöl oder Hydrolate wie Rosenwasser als hervorragend. Der sicher berühmteste Vertreter der persischen Medizin ist Ab Al al-Husayn ibn Abdullh ibn Snin unseren Gefilden besser bekannt als Avicenna, der um das Jahr 1000 lebte. In seinen medizinischen Schriften (Kanon der Medizin) vereint erpersische, griechische und römische medizinische Traditionen und bezieht sich in der Beschreibung von Krankheiten und Symptomen auf die VierElemente. Neben körperlichen Krankheiten beschreibt er die Auswirkungen seelischer Befindlichkeiten auf den Körper. Sein Kanon enthält eine Umfassende Materia Medica – eine Sammlung von über 700 Arzneien. Neben seinen umfassendenmedizinischen Studien befasste sich ibn Snmit Naturwissenschaft und Philosophie. Seine Werke werden bis ins 17. Jahrhundert an Universitäten genutzt.


Moderne

Nach einigen Jahrhunderten, in denen die elementare Sichtweise in der Medizin immer stärker zurückgedrängt wurde, rückt sie im letzten Jahrhundertverstärkt zurück in unser Bewusstsein. Mit Vertretern wie Rudolf Steiner, Carl Gustav Jung und Fritz Riemann rückten neuere Vertreter der Elemente Lehre diese zurück ins Bewusstsein. Die anthroposophische Medizin ging aus der Anthroposophie Rudolf Steiners (*1861) hervor. Dieser entwickelte gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegmann (* 1876) in den Jahren 1920 – 1924(1925) zahlreiche Vorträge für Ärzte. Die anthroposophische Medizin geht von vier Seins schichten aus, die sich in den vier Elementen wieder finden. Jedem dieser Elemente wird eine bestimmte Ätherart (Essenz) zugeordnet, die das Element verlebendigen. Neben der elementaren Auffassung des Seins stellt die Anthroposophie die Idee der Dreigliederung, die die Verbindung zwischen Stoffwechselsystem und Nervensinnessystemdurch die Atmung beschreibt. Im Gegensatz zu anderen Vertretern nennt Steiner keine externen Quellen, sondern gibt als Quelle seine eigene spirituelle Erkenntnis an. Steiners Elementelehre wird in der anthroposophischen Literatur nicht in den Kontext des historischen Verständnisses der Elemente gestellt.


Der Schweizer Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung (* 1875) beschäftigte sich stark mit der Lehre des Paracelsus und der Alchemie. Als Schüler Freuds wandte er sich von dessen Libido Begriff ebenso ab wie von Freuds Vorstellung des Unbewussten. Jung sah das kollektive Unbewusste als ein für alle verfügbares Wissen. Aus ihm heraus entwickelte er die Lehre der Archetypen. Zunächst arbeitete Jung die Polarität der Prinzipien mit seiner Idee von Anima und Animus, sowie Extraversion und Intraversion heraus. Die Vier Elemente Lehrefindet sich bei Jung in der Unterscheidung von Denken und Fühlen (Ebene des Urteilens), Empfinden und Intuition (Ebene der Wahrnehmung),wobei er die dualen Typen mit den vier Typenpaart und dadurch 8 Typen erhält.


Der deutsche Analytiker Fritz Riemann (*1902)veröffentlichte 1961 die tiefenpsychologische Studie „Grundformen der Angst“, in der er vierTypen der Persönlichkeit beschreibt, bei denen es sich nach seiner Erkenntnis um vier verschiedene Arten des „In-der-Welt-Seins“ verbunden mit den entsprechenden grundsätzlichen Erscheinungsformender Angst, handelt. Er benennt die schizoide, depressive, zwanghafte oder hysterische Persönlichkeiten. Diese Bezeichnungen sind nicht deckungsgleich mit den medizinischen Diagnose-Kriterien gleichnamiger Persönlichkeitsstörungen. Schizoide Persönlichkeit tritt laut Riemannbei der Existenzangst auf, die Depressive Persönlichkeit tritt bei der Trennungsangst auf, die Zwanghafte Persönlichkeit tritt bei der Angst vor Schuld und Strafe auf und die Hysterische Persönlichkeit tritt bei der Angst vor Minderwertigkeit in Erscheinung. Riemann betont, dass ein Mensch nicht nur eine dieser Charaktereigenschaften hat, sondern individuell aus den verschiedenen Anteilen geprägt ist. Außerdem ist er wandlungsfähig und in der Lage einen Bereich zu stärken, der bislang nur schwach ausgeprägt war. Neben zahlreichen ganzheitlichen Methoden bezieht sich auch die moderne Psychologie auf die Erkenntnisse der integral-diagnostischen Systeme, so findet man das europäische Elementemodell angewandt im „Disg“ Test der in der modernen Arbeits- und Organisationspsychologie im Bereich des Personalwesens.


Fazit:

Einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen zuhaben ist eine wichtige Sichtweise, die differenzierte Einsichten ermöglicht. Hierbei ein integral-diagnostisches System zu nutzen erleichtert die professionelle Herangehensweise. Je nach Disziplin in der man arbeitet, empfiehlt sich einpassendes und auf jeden Fall fundiertes System zu wählen und im Idealfall verschiedene Systeme zu kennen, um diese möglichst differenziert in den diagnostischen Prozess und die Arbeit einfließen zu lassen. Dies bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit einem oder mehreren Ansätzen, die in jedem Fall mit spannenden neuen Einsichten belohnt wird.

Der Text ist ein Auszug aus dem Reader „IntegraleDiagnostik“ herausgegeben von campusnaturalis WISSEN, 2014


Literatur:

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