17.11.2016
Viktoria Magmet

Interkulturelle Arbeit im sozialen Bereich

Sowohl in therapeutischen Einrichtungen als auch in der psychosozialen Beratung erkennt man zunehmend an, dass die Arbeit mit einer breiten Bevölkerungsgruppe in Deutschland die sog. „interkulturellen Kompetenzen“ erfordert. Nach Prof. Dr. Alexander Thomas, einem Professor für Psychologie an der Universität Regensburg, der viel zum Thema: Interkulturelle Psychologie geforscht hat, zeigt sich die interkulturelle Kompetenz in der Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren im Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln bei sich selbst und bei anderen Personen zu erfassen, zu respektieren, zu würdigen und produktiv zu nutzen (Thomas, 2003). #

In Frankfurt am Main, einer Stadt mit einem der höchsten Anteile einer multikulturellen Bevölkerung in ganz Deutschland, wo mehr als die Hälfte eine andere Muttersprache als oder neben Deutsch spricht, bedient man sich dieser Kompetenz längst als eines der Auswahlkriterien für die Einstellung neuer Mitarbeiter/-innen in der psychosozialen Versorgung. So bietet die Abteilung für Psychiatrie und Psychosomatik am Klinikum Höchst, einem Stadtteil im Westen Frankfurts mit einem sehr hohen Migrationsanteil, seit mehreren Jahren eine sog. Migrationspsychiatrie an. Dahinter steht ein gesprächsbegleitendes Versorgungsangebot der Psychiatriepatienten und ihrer Angehörigen in den Sprachen: Arabisch, Griechisch, Russisch und Türkisch. Am Klinikum Höchst besteht die Möglichkeit, sogar die komplette Diagnostik, Therapieplanung und die Therapie in einer der vier Sprachen durchführen zu lassen, ermöglicht durch ein multikulturelles Ärzte- und TherapeutInnen-Team.

Was muss ein/e TherapeutIn mitbringen, um interkulturelle Arbeit mit ihren Klienten bewältigen zu können? Zum Einen ist natürlich die Beherrschung der Sprache, in der man berät, auf sehr hohem Niveau unerlässlich. Psychotherapie und Beratung sind nun mal sprachbasierte Interventionsformen und zusätzlich sehr kultur- und gesellschaftsabhängig. Häufig wird immer noch außer Acht gelassen, wie sehr die moderne Psychologie und Psychotherapie, wie wir sie in heutzutage Deutschland kennen, in ihren Ursprüngen auch aus einem westlichen, europäischen oder auch angloamerikanischen Verständnis der Psyche geprägt worden sind und schlichtweg aus diesem hervorgegangen sind.

Ein Großteil der standardisierten psychologischen Test sowie der Fragebögen, die regelmäßig in deutschen Kliniken und Praxen zum Einsatz kommen, sind adaptierte Übersetzungen angloamerikanischer Originale. Eine Sprache alleine sehr gut zu kennen, reicht nicht aus, um einen adäquaten Einblick in das psychische Innenleben und Wohlbefinden eines Menschen zu bekommen. Es sind auch u.a. solche Feinheiten, wie Humor, das Lesen zwischen den Zeilen oder auch Sarkasmus, die unablässig sind, um sich ein Bild von einem Ganzen einer mitgeteilten Information machen zu können.

Sprache ist der Schlüssel In der Redewendung: Man verstehe eine Sprache erst, wenn man die Witze wirklich verstanden und nachvollzogen hat, steckt meiner Meinung nach, viel Wahres. Um diese Feinheiten in der beraterischen und therapeutischen Arbeit richtig deuten zu können, bedarf es daher einer umfassenden Kenntnis der Kultur und Gesellschaft, die damit gemeint ist. Wenn es sich nicht um die Muttersprache oder die eigene Herkunftskultur handelt, dann sind Offenheit, Wissbegierigkeit und sehr gutes Einfühlungsvermögen in die jeweilige Sprache und Kultur extrem notwendig, um eine authentische interkulturelle psychosoziale Beratung und Therapie durchführen zu können. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, sich der eigenen sprachlichen und kulturellen Herkunft bewusst zu sein und der Tatsache, dass diese nun mal einen selbst erheblich mitgeprägt hat und sich natürlich auch in einer solch sprachlastigen Arbeit, wie sie im psychozialen Bereich geleistet wird, tagtäglich die eigenen Einstellungen und Handlungsweisen mitbestimmt und sich darauf grundlegend auswirkt. Man darf auch nicht unterschätzen, wie leicht man gerade den eigenen Stereotypen erliegen kann.

Ein weiteres Betätigungsfeld für die Experten der interkulturellen Kommunikation entsteht gerade in der zunehmenden Anzahl von Stellen in der Flüchtlingshilfe- und -beratung. Durch politische Ereignisse wie die Kriege in Syrien und der Ukraine, aber auch durch die Einsicht, dass Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland einer adäquaten psychosozialen Betreuung bedürfen, entstanden in den letzten Jahren vermehrt Stellen, gerade im beraterischen und therapeutischen Kontext.

Silke arbeitet für einen kirchlichen Träger im Umkreis von Frankfurt am Main und betreut einzelne Flüchtlingsfamilien, indem sie diese zu Hause aufsucht und berät, aber auch Behördengänge mit Ihnen erledigt. Die Familien bringen oft viele Päckchen eines Traumas mit, allerdings besteht Silke darauf, dass die Arbeit leichter zu handhaben ist, da sie die Familien zu Hause, in ihrem sicheren Rückzugsort aufsucht und zu jeder Familie eine richtige Beziehung aufbauen kann. Sie betreut vor allem viele Klienten aus Syrien und Äthiopien und auch wenn sie deren Muttersprache nicht beherrscht, so stellt sie ein Beispiel dar, wie man mit viel Erfahrung und Empathie, eine gute sozialberaterische Beziehung herstellen, auch wenn diese neben viel Vor- und Nachbereitung auch einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Herkunftskultur erfordern.

Als ich sie frage, was ihr bei dieser Arbeit besonders schwer falle, sagt sie scherzhaft: „Das viele gute Essen abzulehnen. Es ist eine Form des Dankeschöns und eigentlich ist es eine Beleidigung der Familie, dies abzulehnen, aber in diesem Bereich private Geschenke und Geld anzunehmen. Es soll ja eine rein professionelle Beziehung bleiben.“ Die Einhaltung der professionellen Grenze ist jedoch öfters sehr schwierig einzuhalten, denn diese Arbeit erfordert sehr viel Emotionsarbeit.

Insgesamt kann die interkulturelle Arbeit im sozialen Bereich, als heutzutage unerlässlich und notwendige Arbeit gesehen werden, die jedoch den Experten außer einem professionellen Weitblick auf der emotionalen Ebene, ebenfalls einen auf der kulturellen Ebene abverlangt, inklusive einer kritischen Selbstreflexion der eigenen kulturellen Prägung.

Literaturangaben: Thomas, A. (2003). Interkulturelle Kompetenz –Grundlagen, Probleme und Konzepte. Erwägen Wissen Ethik, 14(1), 137–228. .