16.12.2016
Juliane Schult

Kitaplatz ab 1 - Fakten, Konzepte, Visionen

Die institutionelle Kinderbetreuung hat eine 160-jährige Geschichte in Deutschland. Von der „Verwahranstalt“ bis zur Bildungseinrichtung war es ein langer Weg. Die unterschiedlichen konzeptionellen Angebote der Kitas lassen den Eltern heute eine große Wahlmöglichkeit für die Betreuung Ihrer Kinder. #


Historie

Die institutionelle Kinderbetreuung hat eine 160-jährige Geschichte in Deutschland. Von der „Verwahranstalt“ bis zur Bildungseinrichtung war es ein langer Weg. Die unterschiedlichen konzeptionellen Angebote der Kitas lassen den Eltern heute eine große Wahlmöglichkeit für die Betreuung Ihrer Kinder (Schneewind, 2013). Im Laufe der Geschichte wurden Gesetze verabschiedet, die die Betreuung und Rechtsansprüche auf einen Kindergartenplatz regeln. Der §24 des SGB VIII, Artikel 1 legt zum Beispiel fest, dass jedes Kind, welches sein drittes Lebensjahr vollendet hat, bis zur Einschulung einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat. Diese Regelung besteht seit 1996. Seit 2008 soll das Kinderförderungsgesetz (KiföG) den hochwertigen Ausbau des Betreuungsangebotes für Kleinkinder und deren Eltern ermöglichen. Dieses Gesetz hat den Zweck, den Ausbau eines Betreuungsangebotes zu beschleunigen und so Eltern zu entlasten und Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die Betreuung Ihrer Kinder zu eröffnen (BMFSFJ, 2010).

Das Kinderförderungsgesetz enthält folgende wichtige Regelungen:

  • In der ersten Phase, die bis zum 31.07.2013 datiert wurde, wurden erweiterte rechtliche Verpflichtungen für die Bereitstellung von Betreuungsplätzen eingeführt. Vor allem Kinder, für die eine Betreuung für Ihre Entwicklung besonders notwendig war, sollten berücksichtigt werden. Außerdem sollten nicht nur berufstätige Mütter und Väter einen gesicherten Betreuungsplatz bekommen, sondern auch arbeitssuchende Eltern. So sollten vor allem Alleinerziehende Elternteile entlastet werden.
  • Nach Abschluss dieser ersten Phase, gilt seit dem 01.08.2013 der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kleinkinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr (BMFSFJ, 2013)

Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz kann für Eltern durch einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter erfüllt werden. Dieser Rechtsanspruch sorgte bei den Ländern und Kommunen für erhebliche Anstrengungen im Bereich der Einrichtung von bedarfsgerechten Angeboten für Kinder ab einem Jahr. Im Kita – Jahr 2013/2014 sollen nach dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) voraussichtlich 810.000 Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Im Gegenzug dazu hat eine Elternbefragung durch das Deutsche Jugendinstitut einen Bedarf von deutschlandweit rund 780.000 Plätzen. Der Bund unterstützt den Ausbau der Kita-Plätze mit rund 5,4 Milliarden Euro (BMFSFJ, 2013).


Bestandsaufnahme

In dem Bericht zum Kinderförderungsgesetz (KiföG-Bericht) werden jährlich die letztverfügbaren Daten zum Ausbaustand, dem Entwicklungsstand des Versorgungsniveaus sowie den weiteren Entwicklungsbedarf der Kitaplätze veröffentlicht. 2010 erschien der erste KiföG-Bericht. Am 13. März 2013 wurde der Vierte Zwischenbericht veröffentlicht, der erstmals auf die Zufriedenheit der Eltern mit der Betreuung Ihrer Kinder eingeht (BMFSFJ 2013).


Der Vierte Zwischenbericht schildert den Stand im März 2012. Laut diesem Bericht besuchten zu dem Zeitpunkt 558.208 Kinder (Vgl. Abb. 1) im Alter von unter 3 Jahren eine Kindertageseinrichtung oder wurden von einer Tagespflegeperson betreut. 23,7% der unter 3 Jahre alten Kinder wurden zu diesem Zeitpunkt in Tageseinrichtungen betreut. 4,3% der Kinder unter 3 Jahren wurden in einer Kindertagespflege betreut. Bundesweit lag somit die Betreuungsquote bei 27,6% und stieg im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozentpunkte (BMFSFJ, 2013). Die Betreuungsquote bei den unter 3 Jahre alten Kindern variiert deutlich zwischen den einzelnen Altersjahren. Erwartungsgemäß war die Betreuungsquote bei den unter 1-jährigen Kindern mit 2,8% am niedrigsten. Ein deutlicher Anstieg der Quote war bei den 1-jährigen Kindern festzustellen. 28,4% der 1-jährigen Kinder wurden in Einrichtungen betreut. Bei den 2-Jährigen wurde sogar fast jedes 2. Kind (51,1%) in einer Einrichtung betreut (BMFSFJ, 2013)


Die DJI Länderstudie von 2012 fragte zusätzlich zum Betreuungsbedarf aufgeteilt nach Altersjahren auch nach den von Eltern gewünschten Betreuungsumfängen. (Vgl. Abb. 2). Bei dieser Studie stellte sich heraus, dass „(…) sich ein Teil der Eltern kürzere Betreuungszeiten, unterhalb eines Ganztagsplatzes“ (BMFSFJ, 2013 S. 11) wünschten. Mit dem steigenden Alter des Kindes nimmt auch der Bedarf an einen zeitlich intensiveren Betreuungsumfang zu. Die Hälfte der befragten Eltern mit Kindern unter einem Jahr möchte ihr Kind nicht länger als 25 Stunden pro Woche betreuen lassen. 18% der befragten Eltern wünschten sich einen höheren Betreuungsumfang von 26 bis 35 Stunden und 33% wünschen sich einen Betreuungsplatz mit über 35 Stunden pro Woche.

Nur noch 34% der Eltern mit 2-jährigen Kindern wünschten sich einen Betreuungsplatz mit maximal 25 Wochenstunden. Bereits 41 Prozent der befragten Eltern hätten gerne einen Betreuungsplatz mit mehr als 35 Stunden in der Woche für ihr Kind (BMFSFJ, 2013).

Die tatsächlich in Anspruch genommenen Betreuungsumfänge im März 2012 spiegelten diese Wünsche der Eltern nicht in Gänze wider. 29% der unter 1-jährigen Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt einen Betreuungsplatz von 25 Stunden und weniger. Einen Betreuungsplatz zwischen 26 und 35 Stunden nahmen 22% der Eltern in Anspruch und fast die Hälfte der Kinder (49%) wurden über 35 Stunden in der Woche betreut. Bei den 2-jährigen Kindern wurden 22% bis zu 25 Wochenstunden betreut, 30% zwischen 26 und 35 Stunden in der Woche und - wie bei den unter 1-jährigen Kindern – fast die Hälfte (49%) mehr als 35 Stunden in der Woche. Dies bedeutet, dass die Wünsche in Bezug auf die Betreuungszeiten stärker in der Angebotsplanung der Kindertageseinrichtungen berücksichtigt werden müssen. „Differenziert nach Altersjahren ergibt sich sowohl deutschlandweit als auch mehrheitlich auf Länderebene, dass für unter 1-Jährige, für 1-Jährige und für 2-Jährige gleichermaßen der größte zusätzliche Platzbedarf im Bereich geringerer Betreuungszeiten besteht“ (BMFSFJ, 2013 S. 12). Laut dieser Studie müssen die zusätzlich benötigten Betreuungsplätze zum Großteil keine Ganztagsplätze sein. Diese Plätze sollten vor allem einen Betreuungsumfang von 25 Stunden und weniger umfassen. Eine abschließende Planungsgröße können diese Zahlen jedoch nicht sein, da sich der Betreuungsbedarf der Eltern zumeist erhöht, wenn die Kinder eine Einrichtung besuchen. Es wird jedoch deutlich, dass bei der Planung der Betreuungsplätze viel stärker auf die Wünsche der Eltern nach kürzeren und flexibleren Betreuungszeiten eingegangen werden sollte (BMFSFJ, 2013).


Praktikerinnen kommen zu Wort – Ergebnisse der Studie: Gesamtbericht Zukunftskonzept Kita 2020

In der Studie: Gesamtbericht Zukunftskonzept Kita 2020 – mit Praktikerinnen im Gespräch, die im Auftrag des BMFSFJ von Prof. Dr. Schneewind erstellt wurde, wurden Erzieher/innen und Leiter/innen von Kitas zu ihren Zukunftsvisionen, wie Kitas im Jahr 2020 aussehen könnten, befragt. Die Studie ergab spannende Ergebnisse, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Die befragten Erzieher/innen antworteten auf die Frage: „Welche Veränderungen wird es in der Kita 2020 geben? Wie wird die Kita 2020 aussehen?“ folgende Aussagen:

  • „Die Quote des akademischen Personals wird steigen.
  • Die spezifische Förderung der Kinder wird zunehmen, und zwar sowohl in Hinblick auf Sprache als auch in Hinblick auf Entwicklungsverzögerungen oder heilpädagogische Aspekte.
  • Es werden mehr Kinder unter drei Jahren in Kitas betreut. Und die Kinder werden insgesamt länger in den Einrichtungen sein. (…)
  • Die Teams werden interdisziplinär sein: Ernährungsberatung, Logopädie, Motopädie, Psychologie.
  • Der Personalschlüssel wird sich verbessern, möglicherweise jedoch nur, weil die Zahl der Kinder abnimmt.
  • Die Bedeutung der Natur und des Umweltschutzes wird in der Bildungsarbeit einen größeren Stellenwert einnehmen.
  • Die Themen Gesundheit, Bewegung, Ernährung werden an Bedeutung gewinnen (…)“(Schneewind, J. 2013, S. 23).

Es wird dabei zum einen deutlich, dass die Professionalisierung des pädagogischen Personals, aber auch die Interdisziplinarität des pädagogischen Teams angesprochen wird. Die individuelle Förderung der Kinder scheint bei den Praktikerinnen ein weiteres wichtiges Thema zu sein.

Eine weitere Frage, über die sich die Praktikerinnen Gedanken machen sollten, war die Frage: „Wie muss die Kita 2020 aussehen, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden?“


Die Praktikerinnen formulieren folgende Anforderungen, an die Kita 2020, um den Bedürfnisse der Kinder gerecht zu werden:

  • Höhere individuelle Begleitung der Kinder
  • Ausreichend pädagogisches Fachpersonal mit verschiedenen Spezialisierungen
  • Räumlichkeiten, die den Kindern bei längeren Betreuungszeiten, Rückzugsmöglichkeiten bieten,
  • Öffnungszeiten, die den Bedarf der Eltern berücksichtigen
  • Sport- und Freizeitmöglichkeiten
  • Kontakt zu interkulturellen Themen (Schneewind, J. 2013).

Aus diesen Anforderungen wird deutlich, dass die befragten Praktikerinnen einen erhöhten Anspruch an die Kinderbetreuung sehen. Es werden sowohl erhöhte Anforderungen an die Ausbildung der Erzieher/innen gestellt als auch an die Rahmenbedingungen, wie z.B. die Öffnungszeiten und Räumlichkeiten.


Beispiele aus der Praxis – familienpädagogische und kreative Konzepte

Bereits vor 10 Jahren erklärte der Erziehungswissenschaftler Hocke (2003), dass sich Kindertageseinrichtungen verstärkt zu Einrichtungen für Kinder und Familien entwickeln müssen. In diesen Einrichtungen sollen Eltern den Raum haben um Erziehungsprobleme zu diskutieren, aber auch Teilhabe an kultureller und politischer Bildung haben. Eine enge Vernetzung zwischen Kultur- und Bildungseinrichtungen der Städte sollen auch denjenigen Bildungschancen eröffnen, die vorher ausgegrenzt und isoliert waren. Als Vorreiter für solche Projekte nennt Hocke die Early-Excellent-Center in England, die mit dieser Vorgehensweise bisher gute Erfolge erzielt haben. Diese Einrichtungen in England bieten z.B. umfassende Hilfen bei der Berufsausbildung für junge Frauen und Mütter an. Diese reichen von der Vermittlung einer Berufsausbildung bis zum erfolgreichen Abschluss der Ausbildung. Die Vision, die Hocke bereits 2003 beschreibt, ist mittlerweile auch in einigen deutschen Kindertagesstätten umgesetzt worden. So fördert die Stadt Flensburg seit 2009 das Familienzentrum Fruerlund des Trägers Adelby 1. Die Kita Bullerbü wurde zu einem Familienzentrum erweitert für alle Familien des Stadtteils Fruerlund. Das Familienzentrum richtet sich mit seinen Angeboten an Familien mit Kindern zwischen 0 und 14 Jahren aus dem Stadtteil. Eltern können sich an die Mitarbeiter mit all ihren Fragen rund um Familie und Alltag wenden. Die Mitarbeiter arbeiten eng mit Beratungsstellen, Einrichtungen und Tageseltern des Stadtteils zusammen, sodass ein Austausch innerhalb des Stadtteils möglich ist. Ein Elterntreffpunkt ist in dem Familienzentrum außerdem integriert. Zu den Angeboten gehören zum Beispiel ein Familien-Café, bei dem gekocht, gebastelt und gespielt wird, sowie Elternkurse, bei denen Eltern ihre Erziehungskompetenzen stärken können. In den täglichen Sprechstunden können Eltern ihre Sorgen und Nöte, die ihren Alltag betreffen, besprechen. Ein Deutschkurs für Frauen aller Nationalitäten gehört außerdem zu dem Angebot des Familienzentrums. Eine sogenannte Tausch- und Plauschbörse bietet Familien die Möglichkeit, Spielzeug, Kleidung oder Bücher zu tauschen oder zu leihen (http://www.adelby1.de/familienzentrum).


Es gibt immer mehr Kitas in Deutschland, die nicht nur familienpädagogische, sondern auch kreative Konzepte in ihre Arbeitsweise verankert haben. Die Lorenzini Kunst-Kita in Hamburg, die die erste Kunst-Kita in Hamburg war, legt besonderen Wert auf die Förderung der Kinder durch künstlerische und kreative Bildungsangebote. Den Kindern wird offene Arbeit, angelehnt an die Reggio-Pädagogik mit ausgewählten Elementen der Montessori-Pädagogik angeboten. Juliane Schult im Interview mit der Geschäftsführerin und pädagogischen Leiterin Frau Lorenz.


C.S.: Liebe Frau Lorenz (A.L.), auf Ihrer Internetseite konnte ich mich bereits vorab ausführlich über Ihr Konzept erkundigen. Dabei ist ganz besonders in Erinnerung geblieben, dass die Kinder in Ateliers in der Kita arbeiten können. Wie kann man sich diese Ateliers vorstellen? Ich hatte sofort ein richtiges Künstler-Atelier im Kopf.

Genauso können Sie sich das vorstellen. Unsere Ateliers sehen ähnlich aus, wie ein echtes Künstler-Atelier. Ich erkläre Ihnen einmal, wie so ein Atelier bei uns im Elementar-Bereich aussieht. Dieser Raum ist ungefähr 50 m² groß und eingeteilt in ein Raum-in-Raum-Konzept. Alle Räume können mittels Regalen und Stellwänden unterteilt werden in Funktionsbereiche. Es gibt Regale mit Ordnungssystemen, in denen die Kinder ihre Fächer haben und ihre Werke ablegen. Es ist mir sehr wichtig, dass die Kinder von Anfang an lernen dürfen, selbstverantwortlich für ihre Sachen zu sein. In den Räumen ist alles auf Kinderhöhe. Es gibt dann bodennahe Tische, die so aussehen als ob die Tischbeine abgeschnitten wurden. Das hat den Hintergrund, dass die Kinder viel besser daran arbeiten können auch für Ihre Motorik ist das von Vorteil, weil sie nicht eingeschränkt im Rumpf sind. In den Regalen findet man dann thematisch sortiert alle Materialen, sodass die Kinder sofort sehen, was an Material vorhanden ist und eine Idee entwickeln können, was man damit machen möchte. In einem anderen Raum finden Sie dann Material von einem Recyclingcenter in Ottensen. Das sind Materialien, die fehlproduziert wurden und keinen Namen haben. In unserem riesigen Atelier können die Kinder mit Matschfarben arbeiten und sich kreativ austoben. Dort findet man neben einer kleinen Werkbank, an der die Kinder mit Holz arbeiten können auch große Wandstaffeleinen, an denen die Kinder mit flüssigen Farben arbeiten können. Im Krippen-Bereich sehen die Ateliers ähnlich aus, nur das hier natürlich alle Materialen fehlen, die verschluckt werden können.


C.S. Das hört sich wirklich toll an! Auf Ihrer Internetseite kann man lesen, dass Kunst und Kreativitätsförderung für Sie der Schlüssel zu erfolgreicher frühkindlicher Bildung und Betreuung ist, welchen Stellenwert hat dabei die Ausbildung der Erzieher/innen?

A.L. Es ist mir ganz wichtig, dass die Erzieher erst einmal Erzieher sind. Ich arbeite ganz selten mit Sozialpädagogischen Assistenten zusammen, weil ich in der Regel einfach diese vielfältigere Ausbildung des Erziehers brauche. In keiner Ausbildung kommen die Erzieher mit der Reggio-Pädagogik in Kontakt. Das ist auch nicht weiter schlimm, da sie das alles hier bei uns lernen. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Zusätzlich nehme ich sehr gerne auch Kollegen, die eine Ausbildung zum Kunsttherapeuten gemacht haben. Ich bin natürlich an die gleichen Regeln gebunden, die jede Kita in Hamburg hat, nach der nur einige gewisse Berufe als Erzieher anerkannt werden können.


Sie folgen den Hamburger Bildungsempfehlungen und unterbreiten laufend Bildungsangebote aus den Bereichen Kunst, Musik, Tanz und Bewegung, sowie mathematische und naturwissenschaftliche Früherfahrungen. Wie sehen diese Projekte gerade im Bereich Tanz, Kunst und Musik praktisch aus?

A.L.: Ein Projekt ist immer eine längere Geschichte, die im sogenannten spiralförmigen Lernen stattfindet. Ich würde nicht auf die Idee kommen und ein Tanzprojekt initiieren. Die Idee für ein Projekt kommt immer von den Kindern. Wenn ich jetzt z.B. das Thema Herbst wähle, dann ist es so dass die Kinder z.B. im Park etwas sehen, was sie so noch gar nicht wahrgenommen haben, nämlich dass sich die Bäume verändern. Dann würden wir gemeinsam mit den Kindern schauen, was macht der Herbst eigentlich. Das könnte man in einem Tanzprojekt so gestalten, dass wir gemeinsam schauen, wie die Blätter vom Baum fallen. Man könnte z.B. die Videokamera mitnehmen in den Park und aufnehmen wie die Blätter sich bewegen. Wenn wir dann wieder in der Kita sind, könnte man gemeinsam über den Besuch im Park sprechen. Die aufgenommene Sequenz wird dann mit Hilfe eines Beamers in einer Wiederholungsschleife an die Wand geworfen. Man könnte dann die Kinder einladen die Bewegung der Blätter nachzumachen. Das wäre z. B. ein Tanzangebot. Wenn ich jetzt Musik dazu nehme, könnte man gemeinsam überlegen, ob der Herbst auch Geräusche macht, die wir dann suchen gehen im Park. Man könnte Kastanien, die man gefunden hat, in Kisten füllen und schauen ob Kastanien Geräusche machen. Die Geräusche könnte man dann auch versuchen zu übertragen auf Trommeln oder andere klassische Instrumente, die in der musikalischen Früherziehung eingesetzt werden. Die Hamburger Bildungsempfehlungen werden auch dadurch berücksichtigt, dass jede/r Erzieher/in seine oder ihre eigenen Schwerpunkte im Leben hat. Der eine backt gerne, der andere musiziert gerne. Ich empfehle meinen Kollegen immer nur das zu tun, was sie selber lieben, mögen und gut können, weil sie sonst nicht authentisch sind.


C.S.: Gibt es in Ihrer Kita auch Ausstellungen?

Im Prinzip ständig, dadurch dass das Prinzip der Reggio-Pädagogik die Ausstellung und Präsentation der Werke der Kinder beinhaltet. Es ist wichtig, dass die Eltern informiert sind, aber die Kinder möchten natürlich auch gerne zeigen, was sie gemacht haben und darüber sprechen. Zu unserem letzten Kunstprojekt: „Marc Chargall“ gab es eine große Ausstellung hier in unseren Räumen. Leider hatten wir bisher noch nicht die Möglichkeit unsere Projekte auch im Stadtteil auszustellen. Das würden wir aber sehr gerne.


C.S.: Sie haben jetzt gerade auch die Eltern angesprochen. Wie treffen die Eltern die Entscheidung ihr Kind in Ihrer Kunst-Kita anzumelden?

A.L.: Die Eltern entscheiden sich ganz bewusst für uns als Kunst-Kita. Wir führen jedes Elternteil, das sich für uns interessiert eine Stunde durch unsere Räumlichkeiten und zeigen, wie wir arbeiten und dann dürfen sich die Eltern entscheiden. Es ist uns ganz wichtig ist, dass die Eltern Lust haben, dass ihr Kind so betreut wird, wie wir es hier machen. Ansonsten macht das gar kein Sinn.


C.S.: Seit dem 01.08.2013 besteht der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr. Welche Auswirkungen hatte dies speziell auf Ihre Einrichtungen?

A.L.: Bei uns ist eigentlich nicht wirklich viel passiert, weil wir nur ein paar Plätze haben, die wir vergeben können. Wir sind im Prinzip permanent ausgelastet. Der Rechtsanspruch ist aber für die Eltern eine große Entlastung, weil sie nicht mehr gezwungen sind, sich erst ein Arbeitsverhältnis zu suchen um dann erst einen Kitaplatz zu bekommen. Diesen Druck haben die Eltern nicht mehr. Das heißt ich habe bei den 2-3 Fällen, die bei uns über den Rechtsanspruch aufgenommen wurden eine große Entspannung bei den Eltern feststellen können, was mich natürlich auch sehr freut.


C.S.: Wie sehen Sie diese Entwicklung als Leiterin einer Kindertagesstätte?

A.L.: Ich finde es großartig, weil es den jungen Eltern, die nach einem Jahr aus der Zahlung des Elterngeldes rausfallen, die Möglichkeit gibt, in Ruhe einen Job zu finden. Für die Kinder ist es auch großartig, weil Kinder das Recht haben sollten in einer Gemeinschaft groß zu werden, gerade hier in der Stadt, wo die Eltern meist in Ein-Eltern-Familien in den Wohnungen leben und die Kinder wenig Kontakt haben zu anderen Kindern. So haben diese Kinder die Chance in einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Kinder lernen von Kindern und nicht von Erwachsenen. Ich finde, dass eine super Sache.


C.S.: Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken!


Literatur:

  • Adelby 1 (2013): Familienzentrum Fruerlund http://www.adelby1.de/familienzentrum.html [Stand: 18.11.2013].
  • BMFSFJ - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010): Bericht der Bundesregierung 2010 nach §24a Abs. 5 SGB VIII über den Stand des Ausbaus für ein bedarfsgerechtes Angebot an Kindertagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren für das Berichtsjahr 2009. Erster Zwischenbericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetztes. Berlin.
  • BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013) : Vierter Zwischenbericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetztes. Bericht der Bundesregierung 2013 nach § 24a Abs. 5 SGB VIII über den Stand des Ausbaus für ein bedarfsgerechtes Angebot an Kindertagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren für das Berichtsjahr 2012. Berlin.
  • Freie und Hansestadt Hamburg - Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration: Hamburger Bildungsempfehlungen für die Bildung und Erziehung von Kindern in Tageseinrichtungen. Überarbeitete Neuauflage 2012, Hamburg.
  • Hocke, N. (2003): Zu den strukturellen Voraussetzungen der Weiterentwicklung von Tageseinrichtungen. In: Fthenakis, W. E. [Hrsg.]: Elementarpädagogik nach Pisa. S. 18-37. Freiburg, Basel, Wien. Herder.
  • Schneewind, J. (2011): Gesamtbericht Zukunftskonzept Kita 2020 – mit Praktikerinnen im Gespräch. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Osnabrück.
  • Lorenzini Kunst-Kita in Hamburg (2013): Krippe. http://www.kunst-kita.de/krippe/ [Stand: 18.11.2013].