09.12.2016

Kreativität heisst ausgebaute Strassen zu verlassen, um neue Wege zu suchen

Kreative Heilberufe sind in Deutschland auf dem Vormarsch. Dennoch wissen die Wenigsten genau, wie die Arbeit eines Musik-, Tanz-, Kunst- oder Theater-Therapeuten aussieht. Vier Kreativ-Therapeuten geben Ihnen hier einen ganz besonderen Einblick in ihren Werdegang und Arbeitsalltag.

Der Duden definiert Kreativität als „schöpferische Kraft“, das Wort Therapie als „Heilbehandlung“. Kreative Therapie tritt nun als Oberbegriff für verschiedene, im Kern miteinander verbundene Verfahren auf: Tanz-, Theater-, Kunst- und Musiktherapie. Doch vor dem Hintergrund der verschiedensten Dimensionen und der ungeheuren Spannweite kreativer Therapieverfahren sowie des Facettenreichtums dieses Berufsfeldes wirken diese Begriffsbestimmungen mehr als blass.


Wer bisher kaum Berührungspunkte mit dem Thema „kreative Therapien“ geltend machen kann, steht diesen meist skeptisch und unsicher gegenüber. Oftmals scheinen psychologische oder psychiatrische Therapien greifbarer, verstehbarer zu sein. Dabei bieten die diversen Arbeits- und Behandlungsgebiete kreativer Verfahren häufig ein ungeahntes Heilungspotential. Darüber hinaus lernt man seine eigene Persönlichkeit sowie seine eigenen Fähigkeiten möglicherweise noch einmal aus einer ganz anderen, nämlich kreativen Perspektive kennen. Dabei gilt: Kreativität ist kein sonderlich stabiles Persönlichkeitsmerkmal.

Messungen der Universität Erfurt fanden heraus, dass dieselbe Person einmal sehr hohe, ein andermal sehr niedrige Kreativitätswerte haben kann. Auch die Intelligenz sagt nur wenig über die Kreativität eines Menschen aus. Psychologen der Universität Bloomington konnten 2008 jedoch entdeckten, dass eine positive Stimmung den Menschen kreativer Denken lässt.
Oft ist es erst der persönliche Kontakt mit kreativen Therapieansätzen als Klient, der einem das Potential in einem Selbst und neue Wege für die Zukunft aufzeigen kann. Besonders geeignet erweisen sich kreative Therapieverfahren für beispielsweise für Menschen mit traumatischen Erlebnissen, die ihre Erinnerungen oftmals kaum oder nur schwer verbalisieren können. Andere Patienten, beispielsweise im Koma, mit Demenz oder autistischen Erkrankungen sind fast ausschließlich über kreative Verfahren zugänglich. Grundsätzlich jedoch gilt, dass kreative Therapien Menschen helfen sich mittels künstlerisch-kreativer Medien dort ausdrücken können, wo Worte allein nicht ausreichen. Letztendlich fördert das kreative Arbeiten Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit.


Um die vier großen Pfeiler der Kreativtherapie (Musik, Tanz, Theater und Kunst) nach außen zu vertreten haben sich in jedem der Bereiche Fachverbände gegründet. Diese haben sich u.a. der Forschung und Lehre, aber auch der Förderung in Wissenschaft, interdisziplinärem Austausch verschrieben. Darüber hinaus bemühen sich die Verbände das Berufsbild der jeweiligen Kreativtherapien zu etablieren, Qualitätsstandards zu schaffen sowie Solidarität und Austausch unter den Mitgliedern zu ermöglichen. Gewöhnlich organisieren die Gesellschaften auch Kongresse und Fachtagungen, bei denen neue Forschungserkenntnisse und Behandlungsverfahren vorgestellt und diskutiert werden.
Die Arbeitsbereiche sind dabei ebenso vielfältig wie der Beruf selbst. Kreativtherapeuten arbeiten beispielsweise in psychiatrischen bzw. psychosomatischen Kliniken, Rehakliniken, im Krankenhaus, in Sonderschulen, Seniorenheimen, Pflegeeinrichtungen, Institutionen für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung, aber auch in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern- und Jugendlichen, in Resozialisierungsmaßnahmen oder in Haftanstalten. Nicht selten gründen Kreativthera-peuten ihre eigene Praxis und wagen den Schritt in die Selbstständigkeit.
Um ein genaueres Bild über die verschiedenen Dimensionen des Berufs kreativer Therapien zu zeichnen, möchten wir Ihnen im Folgenden in Form kurzer Interviews Menschen vorstellen, die in den großen kreativtherapeutischen Richtungen Arbeit und Passion gefunden haben. Sie geben uns nicht nur Einblicke in ihren Arbeitsalltag, sondern zeigen auch Chancen und Problemfelder ihres Berufes auf.

Musiktherapie
Die Musiktherapie setzt sich zum Ziel durch den gezielten Einsatz des von Musik bzw. seiner verschiedenen Elemente die seelische, geistige und körperliche Gesundheit eines Menschen zu erhalten, verbessern oder wiederherzustellen. Dabei kann diese Behandlungsform einzeln, in Gruppen oder auch mit den Angehörigen des Klienten erfolgen und arbeitet dabei sowohl aktiv durch die Nutzung verschiedener Instrumente bzw. Einsatzes der Stimme, als auch rezeptiv durch Hören ausgesuchter Musikstücke. Seit einigen Jahren findet die Musiktherapie, neben den konventionellen Berufsfeldern kreativer Therapien, auch Eingang in die Hospizarbeit.

Campus naturalis: Liebe Frau Schmidt , vielen Dank dass, sie sich die Zeit nehmen uns ein paar Fragen zu Ihrem Arbeitsfeld der Musiktherapie zu beantworten. Bitte schildern Sie uns kurz sich und ihren beruflichen Werdegang. Welche Stationen haben Sie durchlaufen?
Schmidt: „Ich bin 50 Jahre alt, habe drei erwachsene Kinder und lebe in einer Kleinstadt südlich von München. Nach Lehramtsgrundstudium und Elternzeit habe ich eine Ausbildung zur Musikpädagogin für Früherziehung und einige Jahre später noch die Ausbildung zur Musiktherapeutin gemacht sowie den Heilpraktiker für Psychotherapie.“

campus: Wie sind Sie zu Ihrem jetzigen Beruf gekommen? Was war Ihr Antrieb?
Schmidt: „Musik hat mich mein Leben lang begleitet und nach meiner Elternzeit habe ich mich dazu entschlossen, diese Liebe zur Musik auch beruflich zu leben. Größter Antrieb war dabei die Beobach-tung sowohl bei mir und meinem Umfeld als auch bei meinen Schülern, daß Musik – aktiv und passiv - eine große Unterstützung in vielen Lebensbereichen und Lebenskrisen sein kann.“

campus: Beschreiben Sie Ihre jetzige Tätigkeit als Musik-Therapeut. Wie arbeiten Sie pädago-gisch bzw. therapeutisch?
Schmidt: „Ich habe eine eigene kleine Musikschule für ganzheitliche Früherziehung und therapeutisches Musizieren. Ich arbeite dort, aber auch in Kindergärten und Schulen. Neben MFE, Orientierungskursen und Instrumental - Anfängerunterricht für Kinder und Erwachsene arbeite ich u.a. mit kranken Kindern, Kindern mit Lernstörungen oder Schulschwierigkeiten und unterstütze begleitend Kinder, die sich in Lebenskrisen oder -übergängen befinden. Außerdem biete ich zusammen mit einer Kollegin musiktherapeutisches Coaching zur Burn-out-Prophylaxe für Firmen und interessierte Gruppen an. Meine Arbeitsweise ist ganzheitlich, klientenzentriert und eine Mischung zwischen Pädagogik und Therapie.“

campus: Welche Chancen und Herausforderungen bietet Ihnen Ihr Beruf?
Schmidt: „Der Beruf ist sehr abwechslungsreich und bietet mir viele Möglichkeiten, „tätig“ zu werden (s.o.) und mich persönlich dadurch natürlich auch weiterentwickeln zu können, denn jeden Tag passiert garantiert etwas Neues, das mich pädagogisch oder therapeutisch herausfordert (lacht).“

Campus: Welche Probleme und Schwierigkeiten stehen Ihnen in Ihrem Beruf gegenüber?
Schmidt: „Selbstständigkeit an sich ist nicht unproblematisch, Kosten für Musiktherapie werden m.E. noch zu wenig von Krankenkassen oder anderen Organisationen übernommen und die Eltern meines „Klientels“ sind leider immer häufiger selbst sehr problematisch (Stichwort: „Neue Elterngeneration“)“

campus: Was würden Sie anderen kreativen Therapeuten v.a. Musiktherapeuten, die sich gerade in der Ausbildung befinden, raten?
Schmidt: „Ausreichend Selbsterfahrung bei einem guten Therapeuten, regelmäßige Supervision und eine gute Vernetzung mit Kollegen“

Kunsttherapie
Die Kunsttherapie ist eine sehr praxisorientierte Kreativdisziplin, die vorzugsweise mit Medien der visuell gestalteten Kunst gearbeitet. Dazu zählen malerische bzw. zeichnerische Medien, plastisch-skulpturale Darstellungen oder auch fotographische Mittel. Durch diese Instrumente soll der Klient unter therapeutischer Begleitung innere und äußere Bilder ausdrücken, seine kreativen Potentiale entwickeln und seine sinnlichen Eindrücke ausbilden lernen. In der künstlerischen Disziplin wird wischen der rezeptiven und aktiven Form unterschieden. In der rezeptiven Kunsttherapie wird vorwiegende über die sinnliche Wahrnehmung künstlerischer Ausdrucksformen, z.B. Bildbetrachtungen, gearbeitet, während die häufiger angewandte, aktive Kunsttherapie den eigenen Gestaltungsprozess in den Mittelpunkt stellt.

Campus naturalis: Liebe Frau Heller, vielen Dank dass, sie sich die Zeit nehmen uns ein paar Fragen zu Ihrem Arbeitsfeld der Kunsttherapie zu beantworten. Bitte schildern Sie uns kurz sich und ihren beruflichen Werdegang. Welche Stationen haben Sie durchlaufen?
Heller: „Mein Name ist Maria Heller. Im nächsten Jahr werde ich 60 Jahre alt. Ich habe zunächst Betriebswirtschaft studiert und 11 Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Bedingt durch private Veränderungen habe ich mich dann mit 35 Jahren entschlossen, mein bisheriges Hobby, das künstlerische Gestalten, in den Mittelpunkt meines beruflichen Tuns zu stellen. Gerade wenn es mir nicht besonders schlecht ging, habe ich sehr viel gemalt. Aus dieser eigenen Erfahrung, wie heilsam das Gestalten ist, wählte ich zunächst eine berufsbegleitende Kunsttherapie-Ausbildung an einem der privaten Münchner Institute. Ich merkte jedoch schnell, dass mir diese Ausbildung zu einseitig und zu schmalspurig ist. So bewarb ich mich an der Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen und studierte dort Kunsttherapie. Das Studium war ein Genuss. Wir bekamen parallel eine künstlerische Grundausbildung und medizinisch-therapeutisches Wissen vermittelt. Nach Abschluss des Studiums begann ich zuerst in einem Integrationskindergarten als Fachdienst mit ein paar Stunden in der Woche. Parallel dazu war ich einen Nachmittag in der Woche in einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und bot dort im Rahmen von Refugio München eine offene Kunstwerkstatt an. Nach einem Jahr kam dann noch eine Viertelstelle in einer Suchtklinik hinzu. In dieser Klinik hatte ich während des Studiums Praktikum gemacht. Ich machte den Heilpraktiker für Psychotherapie und vor ca. 10 Jahren eine zweijährige Fortbildung in Psychotraumatologie. Nach sieben Jahren mit vielen interessanten Erfahrungen im Bereich der Pädiatrie habe ich die Tätigkeit im Integrationskindergarten beendet und bei Refugio München mein Engagement erweitert, da mir die Möglichkeit geboten wurde, in einer Hauptschule Kunsttherapie für Flüchtlingskinder anzubieten. Später kam eine zweite Schule hinzu.
Heute arbeite ich nach wie vor an zwei Tagen in der Suchtklinik und drei Tage bin ich als Therapeutin bei Refugio München. Ich mache sowohl Kunsttherapie-Gruppen in Schulen als auch Einzeltherapien und Kleingruppen in der Geschäftsstelle.
Ein Versuch, zusammen mit zwei anderen Damen ein Malatelier für Kinder zu eröffnen sowie der Betrieb einer eigenen Praxis für Kunsttherapie erwiesen sich finanziell nicht als sinnvoll, da Kunsttherapie im Regelfall nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.“

campus: Beschreiben Sie Ihre jetzige Tätigkeit als Kunst-Therapeut. Wie arbeiten Sie pädagogisch bzw. therapeutisch?
Heller: „In der Klinik arbeite ich eher klassisch kunsttherapeutisch und sehr psychotherapeutisch in den Gruppen. Genauer gesagt heißt das, dass die Patienten zu einem vorgegebenen Thema eine Gestaltung machen (malerisch oder mit Ton). Anschließend betrachten wir die Gestaltungen gemeinsam, stellen Bezüge zu ihrer eigenen Geschichte, zu ihrer Suchtentwicklung aber auch zu ihren Ressourcen und Fähigkeiten her.
In den Kunsttherapie-Gruppen bei Refugio steht das künstlerische Gestalten mit Kindern und Jugendlichen im Vordergrund. Wir arbeiten mit Farben auf Leinwand, machen Graffiti-Bilder, arbeiten mit Speckstein oder Holz, fotografieren und hin und wieder entsteht ein kleiner Film. Das Therapeutische dabei liegt im heilsamen künstlerischen Gestalten, im geschützten Raum der kleinen Gruppe und in der Möglichkeit, neben dem Gestalten über die Probleme und Anliegen der Kinder und Jugendlichen zu sprechen. Sind die Kinder noch nicht lange in Deutschland, läuft die Kommunikation über das bildnerische Gestalten.“


campus: Welche Chancen und Herausforderungen bietet Ihnen Ihr Beruf?
Heller: „Ich muss mich auf die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Beeinträchtigungen und zum Teil mit ihrem Leid einstellen, mit ihnen zusammen Hoffnung entwickeln und neue Wege erproben. Diese Herausforderung lässt jeden Tag zu einem spannenden Ereignis werden. Die Arbeit mit Flüchtlingskindern ermöglicht auch den Einblick in fremde Kulturen und gesellschaftliche Verhaltensweisen und bietet so eine interessante Erweiterung meines bisherigen Spektrums.“

campus: Welche Probleme und Schwierigkeiten stehen Ihnen in Ihrem Beruf gegenüber?
Heller: „Manchmal ist es nicht ganz einfach, sich von den Schicksalen und Lebensgeschichten meiner Klienten soweit zu distanzieren, dass ich diese nicht mit nach Hause nehme. Ich muss sehr auf meine Psychohygiene achten, das richtige Maß an Arbeitspensum finden, genügend Bewegung und schöne Ausgleichstätigkeiten haben.“

campus: Was würden Sie anderen kreativen Therapeuten v.a. Kunsttherapeuten, die sich gerade in der Ausbildung befinden, raten?
Heller: „Machen sie eine gründliche Ausbildung sowohl im künstlerischen als auch im therapeutischen Bereich. Sie sollten die kreativen Krisen, die im künstlerischen Gestalten auftreten, selbst durchlebt haben und sich auch in der Psychopathologie und verschiedenen therapeutischen Konzepten auskennen. Machen sie möglichst unterschiedliche Praktika, um die vielen Facetten des beruflichen Alltags kennenzulernen. Arbeiten sie selbst künstlerisch, um die eigene Faszination vermitteln zu können.“

Tanztherapie
Der tanztherapeutische Ansatz versucht den Zugang zum Klienten über Bewegung zu erlangen und eben nicht den Geist -wie in modernen Gesellschaften üblich-, sondern den Körper in den Mittelpunkt zu stellen. Emotionen werden hierbei in einem geschützten Raum in Bewegung kanalisiert. Dabei muss Tanz nicht Anmut, Ästhetik oder Schönheit ausdrücken, sondern darf auch grotesk, linkisch oder unelegant sein. Zentral sind die Bewegung und die Überzeugung, dass der Mensch in jedem Lebensalter zu Bewegung fähig ist, auch wenn diese sehr gering oder sogar nur mental möglich ist. Kritisch muss man jedoch der Frage gegenüberstehen, in wie weit man dieses Berufsfeld als Therapeut im höheren Alter noch aktiv bewältigen kann. Allerdings kann genau darin auch die große Chance liegen. Nämlich dann, wenn man sein Klientel der eigenen Bedingung anpasst und damit einen ganz eigenen Zugang zu seinen Teilnehmern schafft.

campus naturalis: Liebe Frau Wildegans, vielen Dank dass, sie sich die Zeit nehmen uns ein paar Fragen zu Ihrem Arbeitsfeld der Tanztherapie zu beantworten. Bitte schildern Sie uns kurz sich und ihren beruflichen Werdegang. Welche Stationen haben Sie durchlaufen?
Wildegans: „Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten und vielen Jahren als professionelle Flamenco-Tänzerin und -Sängerin machte ich 2006 eine Ausbildung zur Gruppenleiterin für Gesundheit und Bewegung und zum Coach zur Stressreduktion. Daran folgte im Anschluss eine bis 2010 dauernde Ausbildung zur Tanz- und Ausdruckstherapeutin nach ITA® und anschließende Weiterbildungen. Seitdem arbeite ich neben meiner künstlerischen Bühnentätigkeit als Therapeutin und Coach in München und in eigener Praxis in Dirnismaning.“

campus: Wie sind Sie zu Ihrem jetzigen Beruf gekommen? Was war Ihr Antrieb?
Wildegans: „Meine Tanzschülerinnen waren immer sehr begeistert von meiner Art zu unterrichten und meinten, dass sie das Tanzen und den Unterricht bei mir als sehr „heilsam“ empfanden. Da das Unterrichten und die langen Reisezeiten mich zunehmend an meine körperlich Grenzen brachten, wollte ich eine neue Richtung einschlagen. Angeregt durch meine persönliche Entwicklung, eine Reihe von Zufällen und den privaten Kontakt zu einer Dozentin meines späteren Ausbildungsinstituts, entschied ich mich das erste Basis-Jahr der Ausbildung zu absolvieren. Zu Beginn, um für mich persönlich davon zu profitieren und meine Gesundheit zu stabilisieren. Da sich mir durch die Ausbildung der Zugang zu meiner Selbst und zu meiner Sensibilität eröffnete, entschloss ich mich Jahr für Jahr aufs Neue die Ausbildung fortzusetzen und mit der Abschlussprüfung 2010 zu beenden.“


campus: Beschreiben Sie Ihre jetzige Tätigkeit als Tanz-Therapeut. Wie arbeiten Sie pädagogisch bzw. therapeutisch?
Wildegans: „Überwiegend arbeite ich als Tanz-Therapeutin und Coach in der Einzelbegleitung von Klienten mit dem persönlichen Anliegen sich selbst besser kennen zu lernen bzw. bestimmte Themen wie Gesundheit/ Krankheit, Beziehungskrisen, herausfordernde Familiensituationen, Depression etc. zu bearbeiten. Dazu kommen gruppentherapeutische Projekte wie z.B. therapeutische Flamencotanzprojekte mit essgestörten Klientinnen des „Therapienetz Essstörung“, einer essgestörten Gruppe der Schönklink am Starnberger See und einer Gruppe des Therapie-Centrum für Essstörungen – TCE. Ebenso ein tanztherapeutisches Angebot für Suchtkranke im Anker des Club 29 e.V. In der Gruppearbeit geht es darum, die Wahrnehmung für den Körper und das Selbst in Bezug zur Außenwelt zu schulen, Denkprozesse anzuregen und Gruppenprozesse auf den Alltag zu übertragen. Besonders wertvoll ist es die Akzeptanz und Wertschätzung für das eigene Sein, Empfinden und die eigene Geschichte zu stärken. Wenn ein Klient sich selbst Anerkennung zollen kann für das was er geschafft hat, dann erwächst daraus eine Stärke für den weiteren Weg.“

campus: Welche Chancen und Herausforderungen bietet Ihnen Ihr Beruf?
Wildegans: „Die Chancen liegen in dem wertvollen zwischenmenschlichen Kontakt mit den Klienten und der Freude an den Entwicklungen, Erkenntnissen und aufgedeckten Potentialen. Herausforderungen liegen für mich darin, das Tempo der Klienten zu respektieren und nichts zu forcieren und sogenannte Misserfolge oder Abbrüche der Therapie nicht persönlich zu nehmen, sondern als eine Entscheidung des Klienten anzuerkennen. Im Gespräch mit anderen Therapeutinnen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Wichtigste das eigene Selbstbewusstsein ist. Je selbstverständlicher und authentischer ich in einer Sitzung bin, egal ob in der Gruppe oder mit einzelnen Klienten, desto besser kann ich mich als Therapeutin auf den Klienten einlassen. Intuitiv können sich die Klienten dann tiefer auf die Prozesse einlassen. Dazu gehört unabdingbar selbst nach der Ausbildung an eigenen Themen zu arbeiten und in Supervision zu gehen.“

campus: Welche Probleme und Schwierigkeiten stehen Ihnen in Ihrem Beruf gegenüber?
Wildegans: „Der Tanztherapeut, der sich nicht in einer Festanstellung befindet, steht vor der Aufgabe für sich selbst Marketing und Werbung zu betreiben, sofern dies nicht in professionelle Hände übergeben wird. Nach wie vor ist Tanztherapie keine von den Krankenkassen anerkannte Therapieform, was bedeutet, dass die Sitzungen, aus der eigenen Tasche des Klienten bezahlt werden bzw. nur über private Krankenversicherungen abgerechnet werden können. Dies schränkt den Kundenkreis natürlich ein, da es viele Klienten gibt, die gerade, wenn sie psychische oder gesundheitliche Einschränkungen haben, sich diese Therapieform nicht leisten wollen oder können und sich nach Alternativen umsehen, die von den Krankenkassen getragen werden.“

campus: Was würden Sie anderen kreativen Therapeuten v.a. Tanztherapeuten, die sich gerade in der Ausbildung befinden, raten?
Wildegans: „Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich angehenden Kreativ- und Tanztherapeuten empfehlen Praktika in unterschiedlichen Einrichtungen zu absolvieren, um Vergleiche ziehen zu können und die Arbeitsweisen verschiedener Therapeuten kennen und schätzen zu lernen. Ferner, so gut wie möglich auch nach der Ausbildung an eigenen Themen zu arbeiten und sich selbst auszuprobieren. Am Anfang ist eine gute Vorbereitung von Gruppen-Sitzungen von Vorteil z.B. das eigene Konzept zumindest einmal auszuprobieren und darüber eigene Erfahrungen zu sammeln, wie die eigene Sitzung auf mich selbst wirkt und evtl. aufkommende Themen zu bearbeiten. Somit bin ich dann freier im Kontakt mit den Klienten und nicht mit eigenen Prozessen beschäftigt. Wenn Sie anfänglich keine Aussicht auf ein Betätigungsfeld haben, dann schaffen Sie sich eins. Bieten Sie sich in interessanten Institutionen an und arbeiten Sie anfangs vielleicht sogar ehrenamtlich, um Erfahrungen zu sammeln. Nachgewiesene Ehrenämter werden bei Bewerbungen auf Stellen in Kliniken und Einrichtungen positiv gewertet.

Theater- und Dramatherapie
Das Theater wird bereits seit der Antike therapeutisch eingesetzt. Das Theater versucht im Spiel neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und erweist sich somit als Potenzial für die „Ver-Wandlung" von Einzelnen und einer Gruppe. Die Theater- und Dramatherapie konzentriert sich dabei vor allem auf die gesunden Anteile der Persönlichkeit und versucht diese zu stärken. Das (Theater-) Spiel kann Zugänge zu Emotionen herstellen, die weit über die verbale Ebene hinausgehen und infolge der so-genannten “ästhetische Distanz“ einen hohen Grad an Schutz bieten.

campus naturalis: Liebe Frau Hagl, vielen Dank dass, sie sich die Zeit nehmen uns ein paar Fragen zu Ihrem Arbeitsfeld der Tanztherapie zu beantworten. Bitte schildern Sie uns kurz sich und ihren beruflichen Werdegang. Welche Stationen haben Sie durchlaufen?
Hagl: „Mein Name ist Elisabeth Hagl. Ich bin 32 Jahre alt und arbeite seit sechs Jahren freiberuflich in München als Theaterpädagogin. Die Leidenschaft für das Theater spielen hatte ich schon von klein auf. Die Hauptrollen in allen Kindergartenaufführungen habe ich mir erobert und nicht selten habe ich bei Ausflügen mit meinen Eltern ganze Reisebusse unterhalten. Mit 16 Jahren hatte ich das große Glück Mitglied in einem sehr ambitionierten Theaterverein in der Hallertau zu werden. In diesem konnte ich nicht nur auf der Bühne stehen, sondern auch Regie führen, viele verschiedene Fortbildungswochenenden besuchen und bald als Jugendleiterin Theaterprojekte mit Kindern durchführen. Nirgendwo habe ich so viel gelernt, wie in diesem laufenden Theaterbetrieb mit fachmännischer Anleitung und gleichzeitig großen Gestaltungsspielräumen und großem Vertrauen in meine Person.
Zusammen mit anderen jungen Erwachsenen habe ich mit 18 Jahren das Improvisationstheater „Chamäleon“ in Regensburg gegründet und wir konnten schnell mit Aufführungen auf diversen Kleinkunstbühnen und für Firmen Geld verdienen. Später habe ich in München Pädagogik, Theaterwissenschaft und Psychologie studiert. Parallel habe ich eine einjährige berufsbegleitende Ausbildung für Regie mit Amateuren bei Christian Schidlowsky aus Nürnberg besucht.Über erste Kontakte zur kulturpädagogischen Szene in München konnte ich in diversen zirkuspädagogischen Projekten als Clown und pädagogische Mitarbeiterin unter anderem in Bosnien mitwirken. Außerdem ergab es sich zunehmend, dass ich Anfragen für die Durchführung von theaterpädagogischen Projekten in Schulen und Freizeitstätten bekam.“

campus: Wie sind Sie zu Ihrem jetzigen Beruf gekommen? Was war Ihr Antrieb?
Hagl: „Obwohl ich während meiner Schulzeit und zu Beginn meines Studiums noch eher daran dachte, Psychologin oder gar Journalistin zu werden, nahm mein theater- und auch zirkuspädagogisches Schaffen immer mehr Raum in meinem Leben ein. Das alles war selten eine bewusste Entscheidung, vielmehr ein innerer intuitiver Antrieb und irgendwann war mir klar, das ist alles kein Zufall, das sind meine Leidenschaft und meine Begabung. Alle Stationen die ich bis dahin durchlaufen hatte, Ausbildung, Improvisationstheaterschauspiel, Studium haben mir viel gegeben und mich in der Summe zu einem Profi gemacht. Nicht zuletzt aber auch meine schon sehr früh beginnende und kontinuierliche praktische Erfahrung in der Anleitung von Gruppen und Durchführung von Projekten.
Ich möchte künstlerische Arbeit in pädagogischen Kontexten machen und pädagogische Überzeugungen mit künstlerischen Mitteln umsetzen. Wenn Menschen sich künstlerisch betätigen, verlieren sie einen Teil ihrer Schalen, ihre Emotionen, ihre Leidenschaften, ihre tiefen Wünsche, Ängste und Bedürfnisse werden sichtbar und haben im künstlerischen Schaffen einen Ort, an dem sie sich ausdrücken und zeigen können. Im Theater geht es zudem sehr viel um Beziehungen, um unseren Kontakt mit anderen Menschen und um Geschichten in denen wir alle leben. Es begeistert mich, Menschen in diesen Prozessen zu begleiten, ihnen Erfahrungsräume anzubieten, Ausdrucksmittel zu zeigen und Geschichten, die ihnen entsprechen und sie gleichzeitig irritieren mit ihnen zu entwickeln. Als Theaterpädagogin unterrichte ich nicht, als Theaterpädagogin bin ich eine Prozessbegleiterin, die mit künstlerischen und pädagogischen Mitteln unterstützt, begleitet und Räume anbietet. Ich bin berührbar, zu begeistern, zu überraschen, nicht ohne in jedem Moment den höchst möglichen Anspruch an Integration und das künstlerische Produkt zu stellen. Am Ende eines Projekts die Arbeit der Einzelnen und der Gruppe öffentlich auf diesem magischen Bühnenraum zu zeigen, macht alles Vorangegangene echt, lebendig und unabdingbar.“



campus: Beschreiben Sie Ihre jetzige Tätigkeit als Theater-Therapeut. Wie arbeiten Sie pädagogisch bzw. therapeutisch?
Hagl: „Inzwischen verdiene ich mein Geld mit drei Standbeinen. Zum einen führe ich diverse künstlerische Projekte für und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und Teilnehmern durch. Gerne arbeite ich dazu mit Tanz-, Kunst-, Musik- und Medienpädagogen zusammen. In allen Projekten entwickeln wir die Stücke zusammen mit den Teilnehmern und lassen Sie in einer Aufführung enden. Des Weiteren konzipiere, gestalte und organisiere ich in Zusammenarbeit mit einem Träger der freien Jugendhilfe große kulturpädagogische Projekte, wie z. B. ein ganztagesbetreutes Zirkusferienprogramm und ein großes internationales Tanz- und Theaterfestival (www.rampenlichter.com). Mit Rampenlichter möchten wir Tanz- und Theaterproduktionen mit Kindern und Jugendlichen eine professionelle Bühne zur Verfügung stellen, weil wir davon überzeugt sind, dass diese Stücke in ihrer eigenen ästhetischen Kraft eine besondere Wirkung und Aussagekraft für die Öffentlichkeit und damit für alle Altersgruppen haben, die gezeigt und gesehen werden sollte. Rampenlichter schafft einen künstlerischen Bildungsort, der weit über die Idee eines Theaterkurses hinausgeht. Außerdem arbeite ich mit künstlerischen Mitteln für Firmen im Bereich Teamentwicklung und Stärkung der sozialen Kompetenzen für Auszubildende als Unterstützung am Beginn ihres neuen Lebensabschnittes.“

campus: Welche Chancen und Herausforderungen bietet Ihnen Ihr Beruf?
Hagl: „Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich. Ich liebe die Mischung aus Organisation, Konzeptarbeit, künstlerischem Schaffen und der Arbeit mit unterschiedlichsten Menschen. Meine Arbeit erfordert sehr oft den Einsatz meiner ganzen Persönlichkeit und dadurch lerne ich immer dazu. Ich kann selten auf ein Schema F zurückgreifen, stattdessen habe ich kreative Krisen, bin in meinen Projekten oft selbst berührt und begeistert. Ich bin abwechselnd Künstlerin, Pädagogin und Projektmanagerin. Durch mein selbständiges Arbeiten bin ich auch immer wieder gefordert mich in unterschiedlichen Settings und mit unterschiedlichen Kollegen zu Recht zu finden und auch eine gewisse strukturelle und finanzielle Unsicherheit auszuhalten. Diese eröffnet mir aber auch ein großes Freiheitsgefühl.“

campus: Welche Probleme und Schwierigkeiten stehen Ihnen in Ihrem Beruf gegenüber?
Hagl: „Definitiv die fehlende gesellschaftliche Anerkennung, die sowohl pädagogische Berufe (abgesehen von Lehrern), als auch künstlerische Berufe und somit definitiv auch Theaterpädagogen haben. Bereiche, in denen man sich betätigen kann und in denen andere Menschen einen dabei haben wollen, gibt es sehr viele. Leider ist aber die strukturelle und finanzielle Ausstattung oft nicht oder zu knapp vorhanden und so akquiriere ich manchmal nicht nur einen Auftrag, sondern auch noch meine Bezahlung dafür selbst und verzichte auf einigen Luxus, den sich andere in meinem Alter als Pharmazeuten oder verbeamtete Lehrer längst leisten können. Außerdem kämpfe ich stetig dafür, dass die theaterpädagogische Arbeit wesentlich mehr ist als Freizeitpädagogik oder ein effizientes Mittel zur Leistungssteigerung im schulischen oder beruflichen Kontext.

campus: Was würden Sie anderen kreativen Therapeuten v.a. Theatertherapeuten, die sich gerade in der Ausbildung befinden, raten?
Hagl: „Wenn ihr von dieser Art mit Menschen zu arbeiten mit vollem Herzen überzeugt seid, dann ist das ein wunderbarer, großartiger Beruf. Findet heraus, in welchen Bereichen, ihr wie Geld verdienen wollt und könnt und lernt eure Arbeit wertvoll zu verkaufen. Wenn ihr viel Sicherheit braucht, sucht euch einen neuen Weg oder eine anderes zweites Betätigungsfeld. Theaterpädagogisch mit Menschen zu arbeiten, ist nicht nur ein Beruf, es ist eine innere Haltung.“


Quellen:
• Süddeutsche Zeitung online: Nikolas Westerhoff (2010): Kreativität ist harte Arbeit; aus: http://www.sueddeutsche.de /wissen/psychologie-kreativitaet-ist-harte-arbeit-1.492003
http://www.kreative-therapie.de
• Decker-Voigt, Hans-Helmut et al. (2008): Lehrbuch Musiktherapie, Ernst Reihhardt-Verlag, Mün-chen (Seiten: 17- 100)
http://www.kreativtherapien.lvr.de
• Halprin, Anna (2000): Tanz, Ausdruck und Heilung. Wege zur Gesundheit durch Bewegung, Bil-derleben und kreativen Umgang mit Gefühlen, Synthesis-Verlag, Essen
www.theatertherapie.org