17.11.2016

Kunst und Systemik für den Frieden

Die Definition des Begriffs "Kunst" ist durch die Kombination mehrerer Faktoren gekennzeichnet, welche sich aus unterschiedlichen Perspektiven durchleuchten lassen. Diese systeminnewohnende Eigenart macht es heutzutage schwierig, objektive Benennbarkeiten herauszustellen und fordert unsere Gesellschaft zur Akzeptanz von Diversität heraus. Davon ausgehend, dass zeitgenössische Kunst als Teil der Kultur zu betrachten ist, agiert sie, post-historisch betrachtet, immer als ein Spiegel und Kompass des politisch-sozialen Geschehens.

Millenniumserklärung der UN
Der Systemtheoretiker Pierre Bourdieu kommt in einer Studie von 1979, zu der These, dass "Kultur" auch im ethnisch-sozialen Sinne eng mit Abgrenzung zusammenhängt. Bedauerlicherweise trägt diese Trennung aus politischer Sicht zur Weltarmut bei. Zur Globalisierungs- und Armutsbekämpfung wurde im Jahr 2000 von 189 UN-Regierungschefs die "Millenniumserklärung" inklusive fester Handlungsempfehlungen und zeitlicher Zielsetzung bis 2015 unterzeichnet. Daraus geht hervor, dass Bildungsarbeit als mächtigstes und einziges Mittel zur Bekämpfung von Armut eine fundamentale Rolle spielt. Die UNESCO hat in dem "EFA Global Monitoring Report (GMR)" jährlich die Entwicklungsziele der Millenniumserklärung weltweit überwacht, daraus lässt sich die aktuelle Einschätzung der Entwicklungsziele ableiten. Aus empirischer Sicht sind die Zahlen der Bildung von Kindern- und Jugendlichen in den letzten 15 Jahren besser geworden; Dennoch: bedauerlicherweise schließt auch im Jahre 2015 nur jedes sechste Kind mittleren und unteren Einkommensverhältnissen die Grundschule ab.

Betrachtet man zudem die Notwendigkeit von Kulturvermittlung bei Kindern und Jugendlichen; stellt sich die Förderung von Kooperationsmodellen zur kulturellen Bildung auf allen Ebenen als dringende Kompetenzerweiterung heraus. Die Arbeit mit Kunst in der Schule, als Prozess der Teilhabe gestaltet, erzeugt und lehrt Gruppendynamik; welche durch die Verbindung von Behutsamkeit und Ergänzung im Dienst eines gemeinsamen Ergebnisses agiert.

Theater als Kulturvermittler
Wie fruchtbar zum Beispiel Theater als außerschulisches Medium zur Kulturvermittlung ist, zeigt die Zusammenarbeit des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und des Grips Theaters in Berlin: "Geeignet sind ganzheitliche Methoden, die buchstäblich Lernen mit allen Sinnen und dem ganzen Körper gewährleisten – wie das Theater.” (vgl. DED Publikation).

Im Mittelpunkt der Kooperationsprojekte steht die gleichberechtigte Partizipation der Partner; Schule, Institution/Theater, Künstler/-innen; welche interaktiv langfristige Patenschaften, mit dem Schwerpunkt künstlerisch-edukativer (der Begriff wurde von Eva Sturm, Kunstpädagogin eingeführt) Prozesse, eingehen.

Die Kooperationsarbeit von Schule und Theater lässt sich in 3 Felder unterteilen; Probenbesuche mit intensiver Bearbeitung an einem Stück oder Stoff, theaterpädagogische Praxis in Form von AGs, Projektwochen oder Schultheatertage, und die Qualifizierung bzw. Fortbildung der Lehrer.

Das Theater agiert hauptsächlich als Kunstproduzent und die Schule als Vermittler und Rezipient eines Bildungsangebotes. Daher ist eine planmäßige Strategie und Qualitätsmanagement sinnvoll. Neben Identitätsfindung und Kreativitätsförderung, als Vorteile der Erfahrung von Kunst bei Heranwachsenden, stellen sich gerade in Europa zwei weitere Vorteile zur frühen Bekämpfung von Rassismus und Gewalt heraus.

  • Erstens der Aspekt der Sozialforschung: Der Alltag dient als Inspiration im Sinne der Tatsachenforschung; nicht das Belehren steht im Vordergrund, sondern das Potenzial des Tatsächlichen spezifisch zu erforschen. Dadurch wird die Wissensqualität bei Jugendlichen angeregt; die Umgangsformen werden auf menschlicher Ebene reflektiert, dieses steht im Gegensatz zum schulischen theoretischen Wissen und dient der Bereicherung der Wissensproduktion und der Anregung kreativen Denkens.

  • Zum zweiten, werden laut Aussage des Bundesinstituts für Berufsbildung, ein Bezug zu früh erlernter sozialer Kompetenz gefördert "(...) liegt die Stärke der leistungsstarken Auszubildenden insbesondere darin, dass sie über eine hohe Teamorientierung verfügen und zugunsten der Gruppe bereitwillig eigene Wünsche und Interessen zurückstellen."

Auch aus evolutionsbiologischer Sicht betrachtet, setzt sich bei der

Herausbildung und Erfahrung von und mit Kunst, ein altruistisches

Verhalten durch, speziell wenn der "...Reproduktionsvorteil grösser ist

als der Reproduktionsnachteil für das Individuum." (vgl. Spitzer,

Manfred, 2012).



In den 1990 Jahren rückt in Deutschland der künstlerische Aspekt der

ästhetischen Bildung zur Kulturvermittlung in den Vordergrund; die

Theaterpädagogik entwickelt sich seitdem zur "Möglichkeit

Schlüsselqualifikationen für die Lebenswelt durch ästhetische Erfahrung"

zu erwerben (BKJ, Publikation, 2011) und zur Entwicklung aus der

Schule, ins Theater. Die Jugendlichen experimentieren nicht nur ein

Unterrichtsfach, sondern kommen, räumlich und strukturell, in ein

schulfernes Gebiet; das Theater, welches sich als positive Bereicherung

der Entwicklung eines Heranwachsenden äußern kann. (vgl.

Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.) (1980)

Modellversuch Künstler und Schüler. Abschlussbericht, Bonn).



Musik als Friedensstifter


In Berlin entsteht eine neue, besondere Musik-Akademie. Sie wird von

2015 an junge Stipendiaten aus dem Nahen Osten im Geist des

West-östlichen Divan Orchesters ausbilden. Daniel Barenboim und der

amerikanisch-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward W. Said

haben das Ensemble 1999 in Weimar gegründet. Es beruft sich mit seinem

Namen auf J. W. Goethes lyrisches Alterswerk, das seine Verneigung vor

den Liebesgedichten des persischen Dichters Hafis, aber auch seine

langjährigen Studien islamischer Kultur widerspiegelt: „Gottes ist der

Orient!/ Gottes ist der Occident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im

Frieden seiner Hände.“



Das Orchester setzt sich in gleichen Teilen zusammen aus jungen

israelischen und arabischen Musikern. Es hat sich inzwischen dank

zahlreicher gefeierter Konzerte in aller Welt unter der Leitung Maestro

Barenboims einen hervorragenden Ruf erspielt. Seine Mitglieder treffen

sich jährlich zu Proben und konzertanten Aufführungen wieder. Viele von

ihnen spielen heute in renommierten Orchestern als virtuose Vermittler

sinfonischer Musik – u. a. Israel Philharmonic Orchestra, Lebanese

National Symphony Orchestra, Syrian National Symphony Orchestra,

Metropolitan Opera, Teatro alla Scala, Staatskapelle Berlin und Berliner

Philharmoniker. Sie verstehen sich nicht als politische Botschafter,

sondern als beispielsetzende Künstler. In ihrem musikalischen

Zusammenspiel scheint die Hoffnung auf gegenseitige Toleranz und

Harmonie auf. Mit dem Orchester ist ein utopischer Plan humanistische

Wirklichkeit geworden.



Die Gründung der gemeinnützigen GmbH „Barenboim-Said Akademie“ (BSA) im

Jahr 2012 hat das erfolgreiche Projekt auf eine neue Ebene gehoben. Im

ehemaligen Magazin der Staatsoper Unter den Linden werden bis zu 100

junge Stipendiaten aus der nahöstlichen Konfliktregion eine dreijährige

musikalische Ausbildung genießen – begleitet durch ein Studium generale

in Musik- und Geistesgeschichte. Die pädagogische und musikalische

Leitung der Akademie wird Daniel Barenboim übernehmen.



Die Akademie erhält einen von Frank Gehry entworfenen Konzertsaal für

622 Besucher. Der amerikanische Architekt stellt seine Arbeit kostenlos

zur Verfügung. Die Stadt Berlin überlässt der Akademie das

denkmalgeschützte Gebäude im Rahmen eines 99-jährigen

Erbbaurechtsvertrags. Die eigentlichen Bauarbeiten beginnen im Jahr

2014. Die Baukosten werden bei 33,7 Millionen Euro liegen. Die

Bundesregierung unterstützt das Vorhaben mit einer Baukostenzuwendung in

Höhe von 20 Millionen Euro. Die Differenz wird durch private

Zuwendungen gedeckt. Sie sind steuerabzugsfähig. Zu den ersten Stiftern

der Akademie gehört der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano,

der einen ihm zugedachten, hochwertigen Preis an die Akademie

weitergereicht hat. Andere deutsche und internationale Stifter

engagieren sich bereits jetzt mit beträchtlichen Spenden. (Quelle.

www.barenboim-said.com Quelle: www.daniel-barenboim-stiftung.org)



Theaterprojekt Jump & Run


In Berlin wurde von 2009-2012, ein Kooperationsprojekt als Modell,

zwischen Schulen und Theaterkünstlern; mit 7. – 9. Klassen durchgeführt.

"JUMP & RUN-Schule als System" war ein gemeinsames Experiment von

HAU, Junges DT und THEATER AN DER PARKAUE mit elf Oberschulen (9

integrierte Sekundarschulen, 1 Gymnasium, 1 Förderschule) in acht

Bezirken. Die Begleitforschung wird von Sascha Willenbacher, aus dem

"Institute for Art Education"an der Zürcher Hochschule der Künste,

geleitet. Das Projekt ist konzeptionell darauf ausgelegt gewesen,



"JUMP & RUN-Schule als System", wurde als Modellprojekt von Anfang

an durch eine qualifizierte Begleitforschung evaluiert; die Ergebnisse

und Erfahrungen ausgewertet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht,

zum einen mit einer Tagung im Oktober 2012, und zum anderen mit der

Publikation. Die Begleitforschung hat zwischen September 2011 und Mai

2012 Interviews geführt, Proben besucht und von Lehrer_Innen wie

Künstler_Innen Ereignistagebücher führen lassen. Außerdem wurden die

Tischgespräche der Tagung als Material verwendet.



Die Messbarkeit von künstlerischen und emotionalen Prozessen gestaltet

sich schwierig; Qualität ist in diesem Fall mehrdimensional und

strukturell-prozessual. Es ist erforderlich, für eine genaue Evaluation

der Qualität, die Ziele klar zu definieren, und auch in ihrer

Vielschichtigkeit darzustellen, um einen konkreten

Untersuchungsgegenstand zu haben. Trotz methodischer Vielfalt sind die

theaterpädagogischen Prozesse und die damit zusammenhängende

Wirkungsforschung in ihrer Komplexität nur annäherungsweise

beschreibbar. Qualitätsmanagement ist sehr aufwändig und daher

bedauerlicherweise finanziell für viele Kooperationen problematisch.



Durch die immensen Chancen, die sich durch Kunsterfahrung und ihre

Einbindung an das Schulsystem, eröffnen, aber ebenso für die Schulen und

ihre Bildungsziele in den stark geforderten Bereichen der sozialen

Kompetenz, der Fähigkeit zur Problemlösung und des kreativen Denkens,

finden diese Kooperationsprojekte viel zu wenig Aufmerksamkeit. Die

zukünftige Debatte muss bei der Wirkungsforschung perspektivisch auf

Nachhaltigkeit setzen, um in einer globalisierten Welt einen relevanten

Beitrag zum Frieden zu leisten.



Quellenliste:


-Bourdieu, Pierre, (1983): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 2. Auflage, Frankfurt am Main


-www.unesco.org/publishing


-www.efareport.unesco.org


-UN Konvention von 189 Regierungen, 2000: Milleniumserklärung,

http://www.un-

kampagne.de/fileadmin/downloads/erklaerung/millenniumerklaerung.pdf


-Publikation DED (Herminghausen, Meike/Meyer, Tanja (Hrsg.)

(2006):Versprochen ist versprochen...!, Berlin/Bonn.

http://www.bildung-trifft-

entwicklung.de/bte/downloads/Downloads/Theaterhandbuch.pdf


-Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.) : Modellversuch "Künstler und Schüler", Abschlussbericht, Bonn, 1980


-BKJ Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V.


-Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.) : Modellversuch "Künstler und Schüler", Abschlussbericht, Bonn, 1980


-Sturm, Eva (Hrsg.) (2005): Kunstpädagogische Positionen, Vom

Schießen und vom Getroffen-Werden. Kunstpädagogik und Kunstvermittlung

"Von Kunst aus"


- Spitzer, Manfred (2006): Lernen, 1.Auflage, Heidelberg


-Schneider, Wolfgang (Hrsg.) (2009): Theater und Schule, 1.Auflage, Bielefeld


-Konzeptpapier zur Fachtagung (11/2012) zu "JUMP&RUN.Schule als

System"

http://berlinerprojektfondskulturellebildung.files.wordpress.com/2012/11/jumprun-

tagungsprogramm.pdf


-Willenbacher, Sascha, ZHdK, Institute for Art Education:

Arbeitapapier (11/2012) zur Fachtagung "Inszenierung zwischen

Verweigerung und Transformation"


Bildnachweis:
commons.wikimedia.org/wiki/File:Bali_049_-_Ubud_-_peace.jpg#/media/File:Bali_049_-_Ubud_-_peace.jpg