16.12.2016

Neue Wege: Qigong in der Rehabilitation

Das Wesen der TCM und auch des Qigong ist die Einbeziehung von Konstitution, Körper, Psyche und Spiritualität eines Menschen.
Qigong schult die Achtsamkeit für körperliche, psychische und geistige Prozesse und lässt sich produktiv mit den anderen Therapieformen wie
Musiktherapie, Kunsttherapie, Gesprächstherapie und Bewegungstherapie kombinieren.


Aufgaben der medizinischen Rehabilitation
Medizinische Rehabilitation hat zum wesentlichen das Ziel, die betroffenen Patienten zu befähigen, „mit ihrer Krankheit adäquat und selbstbestimmt umzugehen und trotz Einschränkungen vor allem ihre Funktionen im Beruf wahrzunehmen sowie ihre Rollen in Familie und Gesellschaft so weit wie möglich auszuüben“ (Deutsche Rentenversicherung, 2009). Nicht alle Krankheiten, so z.B. chronische Krankheiten, traumatische
Ereignisse oder auch Akuterkrankungen, lassen eine völlige Wiederherstellung nicht immer zu. In solchen Fällen liegt die Aufgabe der Rehabilitation darin, „eine Besserung des Gesundheitszustandes zu erreichen, ein Fortschreiten des Krankheitsprozesses aufzuhalten, bereits eingetretene Funktions- und Aktivitätsstörungen weitestgehend zu reduzieren und einer Beeinträchtigung der Teilhabe bzw. dem Auftreten dauerhafter Benachteiligungen vorzubeugen“ (Ebenda).


Im Folgenden werden die konkreten Aufgaben der medizinischen Rehabilitation beschreiben.
1. Diagnostik der Erkrankung und der Funktionsstörungen.
2. E rstellung eines Rehabilitationsplans.
3. Fortführung, ggf. Anpassung der medizinischen Therapie und Durchführung von physikalischen, psychologischen und weiteren Therapieleistungen.
4. Training von Restfunktionen und Ausbildung neuer Fertigkeiten zur Kompensation von beeinträchtigten Funktionen und Aktivitäten.
5. Information über die Erkrankung und deren Folgen.
6. Förderung einer angemessenen Einstellung zur Erkrankung.
7. Anleitung und Schulung zum eigenverantwortlichen Umgehen (Selbstmanagement) mit der Erkrankung.
8. Verhaltensmodifikation mit dem Ziel des Aufbaus einer krankheitsadäquaten und gesundheitsförderlichen Lebensweise und des Abbaus gesundheitsschädlichen Verhaltens.
9. Beratung und Anleitung von Bezugspersonen.
10. Sozialmedizinische Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Rehabilitanden.
11. Beratung im Hinblick auf die berufliche Tätigkeit und das Alltagsleben auf der Basis des erreichten Leistungsvermögens.
12. Planung und Anregung weiterer Maßnahmen (Nachsorge, Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Indikationsstellung für weitere diagnostische und/oder therapeutische Maßnahmen) und Vorbereitung der Rehabilitanden darauf. (Deutsche Rentenversicherung, 2009)

Qigong, was ist das?
Qigong ist der aktive Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und bedeutet „Arbeiten mit dem Qi“ – der eigenen Lebenskraft und Energie. Eine Vielzahl von Übungen, die mittels Atmung, Vorstellungskraft und ruhiger Bewegung ausgeführt werden, regulieren und stärken die körperlichen und seelischen Funktionen. Die Bewegungen werden durch eine sinnliche Wahrnehmung zu einem wohltuenden ganzheitlichen Erleben und bringen auch unterstützende psychische Aspekte hervor. So z.B. Selbstkontakt und/oder Stabilisierung bei emotionalen Schwankungen. Das Wesen der TCM und auch des Qigong ist die Einbeziehung von Konstitution, Körper, Psyche und Spiritualität eines Menschen. Das Berücksichtigen dieser Ebenen hilft und unterstützt den Heilungsprozess eines Menschen und gehört heutzutage in das Therapieprogramm der verschiedenen Einrichtungen unseres Gesundheitssystems zur Rehabilitation und Behandlung von Krankheiten (Vgl. Maciocia, 1997). So z.B. von Herz und Kreislauferkrankungen, neurologischen Erkrankungen, Erkrankungen des Formenkreises Rheuma, Erkrankungen psychosomatischen Ursprungs oder psychotherapeutischen Erkrankungen (Vgl. Fischer, 2008).

Die oft leicht zu erlernende Körperlichkeit der Bewegungen, die klare Struktur der Übungen und die Möglichkeit des Reduzierens und des Anpassens, ohne das die Wirkung der Übungen verloren geht, eignet sich besonders für Patienten mit Bewegungseinschränkungen (Vgl. Milanos, 2013).


Die Aufteilung des Qigong in „Übungen in Bewegung“ (Donggong) und „Übungen in Ruhe“ (Jinggong) unterstützt eine auf das Krankheitsbild des Patienten abgestimmte Übungsfolge. Patienten, die sich in einer inneren und/oder äußeren Stagnation befinden, können das „Qigong in Bewegung“ für sich nutzen, um aus dem stagnierenden Raum heraus zu treten, sich aus der gewonnenen Distanz damit auseinandersetzen, ohne sich durch körperliche Überanstrengung abzulenken. Patienten die keine Erfahrungen mit der „Versenkung in Meditation“, bzw. mit der Wahrnehmung von inneren Prozessen haben, finden durch den gleichmäßigen und ruhigen Charakter der bewegten Qigong-Übungen einen Zugang zu den meditativen Aspekten.


So reichhaltig und facettenreich wie die Wirkungsweisen des Qigong sind, so vielfältig sind auch die Zielstellungen. Sie reichen von zur Ruhe kommen und Spannungsregulation, über Verbesserung körperlicher Aspekte im Sinne von funktionellem Bewegungstraining, Gleichgewichtsschulung und ähnliches, bis hin zur Schulung der Körperwahrnehmung und Atemschulung. Je nach Grunderkrankung und Symptombild des Patienten und der Therapiestrategie ist die Zielsetzung also sehr individuell.


Ein Erfahrungsbericht, QiGong in der Rehabilitation – Arbeit mit Krebspatienten

In der Schule für Taijiquan und Qigong wurde in Zusammenarbeit mit der TCM-Therapeutin und Leiterin der TCM-Ambulanz im Mamma-Zentrum am Jerusalem-Krankenhaus in Hamburg, eine geschlossene Gruppe für Frauen zum Thema „Qigong und Krebs“ gegründet. In diese Gruppe kamen überwiegend Frauen mit der Diagnose Brustkrebs, aber auch Leukämie und Unterleibskrebs. Sie befanden sich entweder in der Chemotherapie nach der (Brust-)OP oder hatten die OP noch vor sich. Die Absicht dieser Gruppe war es, den Krebspatientinnen einen geschützten Raum anzubieten, in dem sie sich austauschen und sich mit ihren körperlichen Veränderungen „selbstverständlich“ erleben können. Im Gesprächskreis vorab der Übungseinheit wurde klarer, mit welchen Begleiterscheinungen der Krebstherapie die Frauen zum Qigong-Kurs kamen. Sie waren teilweise körperlich geschwächt durch die OP oder Chemotherapie. Sie hatten mit verhärteten Muskeln und Sehnen durch die Chemotherapie zu kämpfen. Sie berichteten über eine innere Unruhe und inneres kribbelig sein. Über Taubheitsgefühl in den Füßen und dadurch einem unsicheren Stand und unsicheres Gehen sowie Einschränkungen der Armbewegungen durch OP-Narben.


Einige der Frauen waren sich anfangs sicher, nicht lange stehen zu können, sodass Stühle zur Verfügung gestellt wurden und die Teilnehmerinnen die Möglichkeit hatten, diese jederzeit zu nutzen, sobald ein Gefühl der Schwäche aufkam. Sie konnten jederzeit für sich entscheiden, ob sie sich ganz aus der Übung herausnehmen oder im Sitzen die Übungen weiter mitmachen, so gut es ging. In den folgenden Wochen nach der Gründung der Gruppe wurde der Qigong-Stand aufgebaut, das Setzen der Füße geübt, das Fließen lassen der Atmung beobachtet, so dass nach und nach immer mehr Bewegungsformen hinzu kamen. Besonders beliebt bei den Frauen waren die Übungen aus dem „Stillen Qigong“. Diese Übungen, bei denen die Außenbewegungen in den Hintergrund treten und sie sich auf die inneren Prozesse konzentrieren konnten, wurden gut angenommen und umgesetzt.


Nach zehn Übungsterminen wurde die Gruppe gebeten zu prüfen, ob sich an ihrer Situation durch Qigong etwas geändert hatte. Da der Stuhl mittlerweile immer weniger genutzt wurde, war bereits sichtbar geworden, dass sich im Laufe der Zeit etwas verändert hat. Hierzu gab es im Reflexionsgespräch mit den Teilnehmerinnen folgende Äußerungen:
> Manchmal war das innere Kribbeln, die Unruhe bis zu zwei Tagen weg.
> Allgemein habe ich besser in die Ruhe gefunden.
> Das Gehen – auch im Alltag – wurde sicherer.
> Das Gleichgewicht konnte verbessert werden.

Einige der Frauen haben das Qigong in ihren Alltag integriert, andere sind wieder in ihr Berufsleben zurückgekehrt und haben die Gruppe verlassen, wieder andere sind berufstätig und kommen weiterhin in den Qigong Unterricht.


Praxisbeispiel Qigong in der Rehabilitation
Die Klinik am Osterbach ist eine Rehabilitationsklinik, in der Heilverfahren, Anschlussheilbehandlungen (AHB) und postprimäre Rehabilitation (PPR) durchgeführt werden. Es werden neurologisch-neurochirurgische und neurologisch-psychosomatische Erkrankungen, psychotherapeutische Erkrankungen sowie Stimm-, Sprach-, Sprech- und Hörstörungen behandelt. So werden in der neurologischen Psychosomatik z.B. Hirninfarkt, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Polyneuropathien, Schluckstörungen oder Aphasien behandelt. Im Bereich der psychotherapeutischen Medizin mit Psychotraumatologie wird zum Beispiel mit den Krankheitsbildern Posttraumatische Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen, psychosomatische Reaktionen auf Berufskonflikte, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen oder Ich-strukturelle Störungen gearbeitet. Darüber hinaus gibt es im Stimm- und Sprachheilzentrum eine Tinnitusfachabteilung, in der funktionelle, psychogene/organische Stimm-, Sprech-, und Schluckstörungen, chron. komplexer Tinnitus, M.Menière, Hörsturz, Schwindel unterschiedlicher Genese, Zustand nach Mund-, Rachen- und Kehlkopfoperationen behandelt werden.


Johannes Schwirn, Bewegungs- und Sporttherapeut in der Klinik am Osterbach in Bad Oeynhausen berichtet im Interview über seine Arbeit in der Rehabilitationsklinik.


Johannes, wie lange beschäftigst du dich schon mit Qigong? Bzw. wie lange lässt du Qigong schon in dein Therapiekonzept mit einfließen?
Schwirn: Ca. 15 – 16 Jahre.


Du bist ja Sport- und Bewegungstherapeut und ich weiß, dass du auch mit Feldenkrais arbeitest. Hat Qigong in deinem Therapiekonzept einen eigenständigen Platz, oder baust du es auch in andere Stundenkonzepte mit ein?
Schwirn: Nein. Qigong ist in unserer Klinik ein eigenständiges Therapieangebot an, wie Feldenkrais, Krankengymnastik, Gestaltungstherapie, Autogenes Training etc..


Wie ist die Gruppenstruktur in eurer Klinik – wird der Qigong-Kurs verordnet, oder wählen die Patienten die Teilnahme frei?
Schwirn: Der Therapieraum erlaubt eine Gruppengröße von max. 16 Patienten. Die Teilnahme wird vom behandelnden Arzt verordnet. Patienten können sich die Teilnahme aber auch wünschen. Das Therapiekonzept an der Klinik ist aufgeteilt in:
1. verpflichtende Therapien
2. ergänzende Therapien
3. freie Therapien oder Wahlangebote
Der Neurologe verordnet es seinen Patienten als „bewegte Entspannung“. Im Stimm- und Sprachheilzentrum wird es sehr unter dem Gesichtspunkt der Atmung und Körperwahrnehmung geschätzt und ergänzt sehr gut die Stimmtherapie.


Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass der behandelnde Arzt dem Patienten das Qigong verordnet?
Schwirn: Also, der Patient muss frei laufen können – heißt, eigenständig in den Kurs kommen können.


Wie lange bleiben die Patienten in der Behandlung bei Euch?
Schwirn: Die Patienten bleiben ca. 3 – 6 Wochen. In dieser Zeit findet für die Patienten 1 – 2 Mal pro Woche die Qigongstunde statt. Morgens – als Einstieg in den Tag, bzw. um den Einstieg in den Tag auch mal anders kennen zu lernen – 30 Minuten. Das ist ein recht strukturiertes Angebot im Sinne von Vormachen und Nachmachen ohne viele Worte. In der 2. Wochenstunde, die dann 60 Minuten dauert, geht es dann um vertiefendes Üben. Hier erkläre ich verschiedene Dinge, arbeite mehr inhaltlich und baue auch evtl. Übungen aus dem Stillen Qigong mit ein (je nach Patientensituation).


Wie ist deine Erfahrung – Johannes – Was meinst du, wie lange im Schnitt ein Anfänger braucht, um den Wert des Qigongs, bzw. um das, was es sein könnte für den einzelnen Patienten, zu finden?
Schwirn: Das ist sehr unterschiedlich. Ich möchte einfach, dass die Patienten wieder mit sich selbst in Kontakt kommen. Eine fremde und für einige Patienten auch komisch wirkende Bewegungsform ist dabei ein wunderbarer Weg, weil sie erstmal eine erhöhte Aufmerksamkeit fordert und auch zu Fragen führt. Zum Beispiel kann ich mich einlassen? Wie ist das für mich? Wie fühle ich mich nach den Bewegungen? Tat es mir vielleicht sogar gut? Manchmal kommen Patienten zur Tür rein, und du weißt, das wird keine leichte Sache. Dann versuche ich, Angebote zu machen, versuche Analogien zum Alltag zu finden, die in das Qigong mit einfließen können. Zum Beispiel „stellen Sie sich vor, Sie tragen einen Rucksack – sind Sie in der Lage, Ihren Stand zu überprüfen, wie fühlen sich ihre Hände an, ihr Unterkiefer usw..“ Ich biete Hilfestellungen an, indem ich Fragen stelle oder auch anbiete, dass man sich auch mal aus dem Üben rausnehmen kann und zur Seite setzen – mal Pause machen kann. Das Erfahren der eigenen Grenzen – auch in der Schulung der Wahrnehmung und Konzentration ist ein wichtiger Aspekt. Wichtig ist das Erfahren von vielfältigen Ebenen, die nicht unbedingt verbalisiert werden müssen. Z.B. was macht eine Übung mit mir, in der ich das Öffnen neu erleben kann? Die Erfahrungen können dann später bei Bedarf in der Einzeltherapie besprochen werden.


Würdest du mir zustimmen, dass man als Qigong-Lehrer/ Therapeut durchaus auch überrascht wird – von Menschen, die sich vielleicht erst gesperrt haben, oder von denen man nicht vermutet hat, dass sie die Reise nach innen, bzw. in den Kontakt mit sich treten wollen, und die dann ihre Erfahrungen berichten, die mich er freuen und mich in meiner Arbeit ermutigen.
Schwirn: Ja – das stimmt. Da fällt mir ein Beispiel ein: Wir hatten einen sehr anstrengenden Multiple Sklerose Patienten, der allen Ärzten, Therapeuten und Pfleger, die mit ihm zu tun hatten, das Leben schwer gemacht hat. Dieser Patient kam nach ein paar Jahren wieder in unsere Klinik, und wir erinnerten uns sofort an ihn und waren – sagen wir mal – auf alles gefasst. Dieser Patient wollte auch wieder in meine Qigongstunde und berichtet mir über seine Erfahrungen mit Qigong: Er kam aus Berlin und lebte dort in einem der typischen Hinterhöfe. Dort, in seinem Hinterhof, fand ein Fest statt. Man kann davon ausgehen, dass er in seiner Nachbarschaft ähnlich beliebt war wie in unserer Klinik. Das spürte er wohl, da er nicht eingeladen wurde, und er gerne daran teilgenommen hätte. Er erzählte, dass er sich instinktiv in seiner Wohnung an das Fenster zum Hof stellte und eine Qigong Übung praktizierte die das Atmen und Öffnen des Brustkorbes/ des Herzraumes fördert. Nach einiger Zeit des Übens „fasste er sich ein Herz“ und ging uneingeladen zum Fest und wurde dort gut aufgenommen.


Ach herrlich – das rührt einen. Eine schöne Erfahrung zum Abschluss unseres Gesprächs!
Vielen Dank Johannes.


Literatur:
> Deutsche Rentenversicherung: Rahmenkonzept zur medizinischen
Rehabilitation in der gesetzlichen Rentenversicherung, 3. Aufl.
Berlin 2009.
> Fischer, C./ Schwarze, M. (2008): Qigong in Psychotherapie und
Selbstmanagement. Leben Lernen Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2008.
> Maciocia, G. (1997): Die Grundlagen der Chinesischen Medizin.
Verlag für Ganzheitliche Medizin, Dr. Erich Wühr GmbH. Bad Kötzting
1997.
> Schwirn, J. (2013): Interview geführt durch Margret Stuerz für