Ayurveda
Ayurveda für Schwangere, junge Mütter und Babys
Eine wachsende Zahl von Menschen in der westlichen Welt interessiert sich für Ayurveda – die altindische Lehre vom Leben. Meistens wird Ayurveda assoziiert mit wohligen warmen Ölmassagen, Ölstirngüssen mit warmem Öl und Verjüngungskuren. Nur wenigen ist Ayurveda bekannt als das weltweit älteste umfassende bekannte System der Kenntnisse des menschlichen Lebens.
Die ayurvedische Frauen und Kinderheilkunde (Bala-Cikitsa) bietet eine Fülle wertvollen Wissens für Hebammen an. Sowohl während der Schwangerschaft als auch in der Wochenbett- und Säuglingspflege unterstützt der Ayurveda die ganzheitliche Begleitung von Mutter und Kind.
"Die Essenz aller Dinge
ist die Erde.
Die Essenz der Erde ist das Wasser.
Die Essenz des Wassers sind
Pflanzen.
Die Essenz der Pflanzen ist der Mensch."
Chandogya Upanishad
Das Wort Ayurveda bedeutet „das Wissen vom langen Leben“. Der Legende nach wurde Ayurveda vor etwa 5000 Jahren von den Rishis, heiligen Männern Indiens, erkannt und in Versform niedergeschrieben. Noch heute lernen Ayurveda-Ärzte während ihres 10jährigen Studiums diese Verse auswendig und heilen immer noch erfolgreich auf Grundlage dieser grundsätzlichen Erkenntnisse.
Nach ayurvedischer Sicht kommt jeder Mensch mit einer bestimmten Konstitution(Prakriti) auf die Welt. Diese wird bestimmt durch die Doshas, die wiederum aus dem Verhältnis der 5 Elemente bestimmt werden. Die Grundkonstitution Prakriti verändert sich im Laufe des Lebens durch verschiedene Faktoren hin zur Vikriti – die aus dem Lot gekommene Konstitution. Aus der Feststellung beider kann der erfahrene Ayurveda-Praktizierende vorliegende Störungen erkennen und ausgleichen.
Welcher Typ sind Mutter und Kind?
Um ayurvedische Prinzipien Sie und ihr Kind einzusetzen, gilt es zunächst festzustellen, welcher Dosha Typ Sie und ihr Baby sind.
Ayurveda betrachtet im Gegensatz zur westlichen Heilkunde jeden Menschen individuell – das heißt: auch wenn die gleichen Symptome vorliegen, kann es sein, dass diese je nach Typ unterschiedlich behandelt werden.
Die fünf Elemente (Pancamahabhuta) – Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde - bilden die elementaren Bestandteile der Bioenergien der drei Doshas: Vata, Pitta, Kapha
Diese Doshas treten selten in reiner Form auf – die meisten Menschen sind Mischtypen.
Die Vata Konstitution – bestehend aus den Elementen Luft und Äther – findet sich bei eher schlanken, zarten Menschen mit Neigung zu trockener Haut. Der klassische Vata-Typ ist eher vergesslich, wirkt leicht nervös und friert schnell.
Die Pitta-Konstitution – aus den Elementen Feuer und ein wenig Wasser – erkennt man bei Menschen mit mittlerem Körperbau, lauter und kräftiger Stimme und bestimmtem Auftreten. Der klassische Pitta-Typ hat feines Haar und die Haut neigt zu Rötungen, hat ein gutes Gedächtnis und verträgt keine Hitze.
Die Kapha-Konstitution – zusammengesetzt aus den Elementen Wasser und Erde – zeigt sich bei widerstandsfähigen eher fülligen Menschen, die eher bedächtig sind. Ein klassischer Kapha-Typ hat schöne, große und weiße Zähne, fülliges Haar und feste Fingernägel, ein äußerst gutes Gedächtnis und mag die Wärme sehr.
Diese Charakterisierungen dienen natürlich nur einer groben Einschätzung des Konstitutionstyps. Die erfahrenen Ayurveda-Praktizierenden ziehen etliche weitere Kriterien der Diagnose hinzu.
Empfehlungen für die Schwangerschaft:
Zunächst einmal ist es wichtig, dass Sie als werdende Mutter gut für sich sorgen. Wie sind Ihre Ernährungsgewohnheiten? Gemäß der Lehre des Ayurveda sollten Sie besonders fein auf ihre Bedürfnisse achten und nur bei Hunger essen. Die Nahrung sollte immer aus frischen Zutaten bestehen und frisch zubereitet werden. Verzichten sollten Sie auf Tiefkühlkost oder andere Fertignahrung. Diese enthalten keine Lebensenergie (Prana). Gewürze können nach Geschmack, Jahreszeit und Konstitution eingesetzt werden: Hier gilt: im Winter oder bei schlechtem Stoffwechsel darf es etwas schärfer sein – das erzeugt Wärme und fördert die Verdauung.
Trinken Sie besonders viel warmes Wasser. Das Wasser sollte mindestens 10 Minuten gekocht sein und danach warm getrunken werden. Dies fördert die Erneuerung des gesamten Organismus und wirkt dadurch verjüngend und entschlackend. Ein weiteres Getränk, das auf keinem Ernährungsplan für Schwangere fehlen sollte ist Milch. Bevorzugen Sie Biovollmilch! Sie mindert Vata und Pitta und nährt Kapha: Vata wird durch Unruhe und Veränderung vermehrt. Milch hilft daher in der Zeit der Schwangerschaft, die auch immer eine Zeit der Veränderung ist, einen ruhigen Geist zu bewahren. Kapha hingegen ist verantwortlich für die Bildevorgänge, Struktur- und Formgebung, die dafür sorgen, dass sich das Ungeborene körperlich und organisch gut entwickelt. Leiden Sie unter einer Milchallergie, sollte diese durch individuell abgestimmte ayurvedische Kräuterpräparate ersetzt werden. Konsultieren Sie zur Auswahl des Mittels einen Ayurveda-Therapeut.
Das halbstündige Trinken von heißem Wasser oder Ingwerwasser (frische Ingwerwurzel aufschneiden und 10 Minuten mit Wasser kochen) hilft gegen Schwangerschaftsübelkeit. Hilfreich kann auch die Einnahme von frischem Kardamom sein. Mahlen Sie den Inhalt aus 2 – 3 Kapseln im Mörser und nehmen Sie das Pulver mit etwas Wasser ein. Bei nur morgendlich auftretender Übelkeit sollte nichts getrunken werden bis sie aufhört. Etwas trockenen Reis zu essen unterstützt in manchen Fällen.
Gönnen Sie sich jeden Morgen eine Massage mit einen Rohseidenhandschuh (Garshan-Handschuh – erhältlich in Ayurveda-Shops, um den Stoffwechsel in Gang zu bringen. Sie hilft gegen Schwindelgefühle und beugt gegen Schwangerschaftsstreifen vor. Außerdem sollte der Körper täglich mit warmen Kräuteröl, das es passend für alle Konstitutionstypen gibt, einmassiert werden, um die Haut zu nähren.
Schlafstörungen beheben Sie leicht, wenn Sie vor dem Schafengehen eine heiße Milch mit etwas Muskat trinken. Hilfreich ist auch eine Fußmassage mit warmem Ghee (Butterreinfett – erhältlich in Asialäden oder beim Ayurveda Versand).
Eisenmangel lässt sich gut vermeiden, indem beim Kochen ein Spritzer Zitrone beigegeben wird. Außerdem sollte in der Schwangerschaft Kaffee vermieden werden, der unter anderem Eisen abbaut.
Nehmen Sie sich Ruhephasen: Schwangere sollten regelmäßig ausruhen. Das Hören von Meditationsmusik oder Mantrasingen sind äußerst wohltuend für Mutter und Kind. Ruhe, Musik und Gesang fördern den Rhythmus und damit Kapha, das – wie oben beschrieben – in der Schwangerschaft äußerst wichtig ist.
Die Geburt:
Belegen Sie einen Kurs Schwangeren-Yoga und praktizieren Sie besonders Pranayama (Atem-)-Übungen, so bereiten Sie sich gut auf die Geburt vor. Bei einer Hausgeburt: Sorgen Sie schon vor der Geburt für angenehme ruhige Meditationsmusik und ein warmes Raumklima im Geburtsraum. Der Raum sollte idealerweise in apricot, ansonsten in warmen, erdigen Farbtönen gestaltet sein. Wählen Sie bei der Geburt Ihnen angenehme Körperhaltungen. Übrigens: Die Begleitung durch den Partner kennt der klassische Ayurveda nicht. Hier wurden Frauen durch erfahrene Geburtshelferinnen begleitet. Hier sollte allerdings jedes Paar nach dem eigenen Empfinden entscheiden. Allerdings ist es erstaunlich, dass das Angebot eine Geburt mit der Hebamme und einer Vertrauten zu erleben oft von beiden werdenden Eltern positiv aufgegriffen wird.
Wochenbett:
Das Stillen hat im Ayurveda, ebenso wie inzwischen auch wieder bei uns im Westen – eine äußerst wichtige Rolle: nicht nur nährt es das Neugeborene optimal, es fördert auch die Rückbildung bei der Mutter deutlich.
Milchbildende Maßnahmen sind: Milch trinken, Datteln und Nüsse essen, warme Getränke und Speisen, häufiges Anlegen, Abhyanga Massage (Ganzkörper Massage mit warmen Kräuterölen) mit warmem Öl.
Wie schon in der Schwangerschaft ist es essentiell Vata zu beruhigen – sorgen Sie für Ruhe und Entspannung – beides ist sehr wichtig für Sie und ihr Baby.
Die Rückbildung wird außerdem gefördert durch tägliche Garshan- und Abhyanga Massage. In den ersten sechs Wochen nach der Geburt sollten beide Behandlungen täglich erfolgen.
Die ideale Ernährung in der ersten Zeit nach der Entbindung sind warme Suppen. Sie kräftigen und nähren nach der anstrengenden Zeit der Schwangerschaft und Geburt.
Das Neugeborene:
Gestalten sie das Kinderzimmer möglichst ruhig. Apricot ist eine hervorragende Farbe für alle Kinder. Möglichst sollte auf Muster bei Stoffen und Tapeten verzichtet werden, um das Kapha Dosha zu stärken, das für Kinder besonders wichtig ist.
Bei der Babykleidung ist es wichtig Naturfasern zu bevorzugen und natürlich darauf zu achten, dass die Kleidung den Temperaturen entspricht.
Der Schlaf, besonders der Nachschlaf sind besonders wichtig für ihr Kind. Im Schlaf wird Kapha gefördert, das für Kinder übrigens während der gesamten Wachstumsphase wichtig bleibt. Die Wichtigkeit der Kaphamehrung ist unabhängig vom Konstitutionstyp des kleinen Erdenbürgers.
Die Bestimmung der Konstitution des Neugeborenen kann helfen zu verstehen warum etwa ihr Kind wenig isst oder zu Rötungen der Haut neigt. Vata Kinder sind graziler als etwa kräftige Kapha Kinder und haben gewöhnlich auch einen geringeren Appetit. Dies ist aber grundsätzlich völlig normal und sollte Sie nicht dazu bringen etwa zu versuchen ein Vata Kind dazu bewegen zu wollen mehr zu essen. Ebenso neigt ein Pitta Kind mehr zu Entzündungen. Wechseln Sie häufig genug die Windeln und lassen Sie die Haut so oft wie möglich an die Luft. Vata Kinder neigen zu Blähungen. Hier hilft es Vata zu beruhigen. Eine besonders ruhige Atmosphäre, eine Babyabhyanga und Kaphamehrende Maßnahmen helfen hier.
Baby Abhyanga: Für Neugeborene - insbesondere bei Vata Störungen wie Blähungen und Koliken - besonders wohltuend ist eine Babymassage – Abhyanga mit warmem Öl. Vorsicht ist geboten bei Kräuterölen, da manchmal zu Hautreizungen bei der empfindlichen Babyhaut führen. Bevorzugen Sie Mandelöl aus erster Kaltpressung bei besonders empfindlicher Haut. Geben Sie Ihrem Neugeborenen zweimal am Tag Abhyanga: einmal morgens mit reichlich Öl für etwa eine halbe Stunde. Danach folgt ein warmes Bad. Das Öl sollte nur mit Wasser, nicht mit Seife abgewaschen werden! Es pflegt die Haut des Neugeborenen und vermehrt Kapha. Nach dem Bad sollten kleine Bewegungsübungen folgen. Abends sollte die Abhyanga mit weniger Öl gegeben werden und über Nacht auf der Haut bleiben. Dies fördert das Durchschlafen des Säuglings.
Ayurveda bietet noch viele weitere natürliche Maßnahmen und Empfehlungen für Mutter und Kind an. Wichtig für die sorgfältige Anwendung ist die Kenntnis der Prinzipien des Ayurveda – der Mutter aller Heilkünste.
© Alexandra Müller, campus Naturalis
links:
Ausbildungen im Fachbereich Ayurveda
Seminare im Fachbereich Ayurveda