Ayurveda in der Schule
Förderung in Harmonie
Ayurveda - der Name der altinidschen Medizin ist inzwischen vielen Menschen in Mitteleuropa geläufig. Ayurveda wird verbunden mit dem Gedanken an Kuren, die zu mehr Jugendlichkeit und Schönheit verhelfen. Die Ganzheitslehre bietet allerdings weitaus mehr Ansätze – unter anderem für Kinder.
Das deutsche Schulsystem hat durch die Pisa Studien die Note „Klassenziel nicht erreicht“ erhalten – Anlass genug über die Möglichkeiten nachzudenken Ganzheitliches Wissen des Ayurveda auch für die Kinder anzuwenden.
1. Jedes Kind ist anders:
Jeder Mensch kommt mit einer individuellen Konstitution zur Welt – der so genannten Prakriti. Die Konstitution kann man anhand der Ausprägung der drei Bioenergien (Doshas) Vata, Pitta und Kapha feststellen. Vata entspricht den Elementen Luft und Äther, Pitta dem Feuer mit einem geringen Anteil Wasser und Kapha wird durch das Erd- und das Wasserelement bestimmt. Der erfahrene Ayurveda-Praktizierende kann diese Ausprägungen bereits bei Kleinkindern feststellen, wobei - genau wie bei Erwachsenen auch - Mischtypen sehr verbreitet sind.
Kleine Doshakunde:
Das Vata Kind ist von grazilem Körperbau, ist ängstlich und schüchtern, leicht abzulenken, schläft schlecht, friert leicht und hat einen wechselhaften Appetit und neigt zu kariösen Zähnen.
Das Pitta Kind hat einen normalen Körperbau, rote Wangen, ist aufbrausend und ungeduldig, schläft tief, aber kurz, hat eine deutliche und klare Sprachartikulation, schwitzt leicht und ist ein guter Esser.
Das Kapha Kind hat einen schweren Körperbau, neigt zum pummelig werden, isst gern und gut, reagiert bedächtig, spricht langsam, schläft tief und lange, lernt langsam, aber stetig und konzentriert, kann nicht sehr gut teilen.
Die Wahrnehmung der unterschiedlichen Temperamente ist übrigens in allen ganzheitlichen pädagogischen Konzepten bekannt und Grundlage vieler Erziehungskonzepte. So findet man vergleichbare Einsichten in den Konzepten von Maria Montessori, Rudolf Steiner oder Peter Petersen, um nur einige Wegbereiter zu benennen.
Ein Vata Kind verhält sich im Schulalltag ganz anders als ein Pitta Kind oder gar ein Kapha Kind. Jede Ausprägung bringt andere Bedürfnisse mit sich. Das bedeutet, dass ganzheitliches Lernen nur möglich ist, wenn sich die Pädagogen der Verschiedenheit und Besonderheiten aller Kinder bewusst sind. Es gilt zunächst die einzelnen Kinder in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen und fördern und dann die Zusammensetzung der Klassengemeinschaft so anzulegen, dass sich verschiedenen Kinder durch ihre Verschiedenheit unterstützen. So kann ein Kapha Kind sehr von der schnellen Auffassungsgabe des Vata Kindes profitieren, während das Vata Kind durch die Stetigkeit des Kapha Kindes unterstützt wird.
2. Kindheit ist Kapha Zeit
Obwohl ein jedes Kind seine ureigene Konstitution hat, ist die Kindheit an sich die Zeit von Erde und Wasser: Kapha prägt diese Entwicklungsphase bei jedem Menschen: Der Mensch wächst im Mutterleib heran und wird geboren. Substanzbildung, die dem Element Erde zugeordnet wird, prägt die ersten Lebensjahre. Man kann diese Substanzbildung sehr gut erleben, wenn man beobachtet, wie weich das menschliche Skelett bei Säuglingen ist und wie hart es sich nach den ersten sechs Lebensjahren entwickelt. Ein weiteres gutes Beispiel des Prozess der Substanzbildung und Verhärtung ist die Schließung der Fontanelle. Diese Phase geht um das 7. Lebensjahr herum zu Ende – die nächste Phase wird eingeläutet durch den Zahnwechsel. Der Zahnwechsel markiert einen wichtigen Punkt in der Biographie des kleinen Menschen. Der Körper zeigt durch den ersten Wackelzahn, dass die Lebensenergie und Kraft, die bis dahin für den rasanten körperlichen Entwicklungsprozess und das Lernen von Bewegung und Sprache gebraucht wurden, nun frei werden für andere Lernaufgaben. Die Kleinkindphase geht zu Ende, das Kind ist in der Lage zu argumentieren, weint nicht mehr um sich durchzusetzen, sondern begründet seine Bedürfnisse. Nun werden andere Kapha Prozesse wichtig: die des Wassers. Diese Fähigkeiten sind die Grundlage für das Lernen in der Gemeinschaft der Schule. Der kleine Erdenbürger erobert sich seinen Platz in der Gesellschaft, geht zur Schule, gewinnt eine gewisse Autonomie und lernt ganz verstärkt die sozialen Regeln kennen und damit umgehen.
Gerade der Trend aus Kostengründen Kinder bereits mit 5 Jahren einzuschulen ist äußerst besorgniserregend, da Kinder ihre Kräfte in der Zeit bis zum Zahnwechsel für andere Prozesse brauchen. Der Ayurveda lehrt uns den Rhythmus der Natur wahrzunehmen und in unser Leben zu integrieren. Uns gegen diesen Rhythmus zu stellen bedeutet eine unnötige Kraftanstrengung, die zu Unausgewogenheit führen kann. Mantren singen und Mandalas malen sind zwei hervorragende Möglichkeiten Kinder in dieser Entwicklungsphase zu unterstützen.
3. Ayurveda und Schulalltag
Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder können im Schulalltag eigentlich sehr einfach berücksichtigt werden.
Zunächst einmal sollte der Schulmorgen beginnen mit gesunder Bewegung. Einige Yoga oder Qigong Übungen können helfen den Tag gut und aufmerksam zu beginnen. Sie unterstützen Kinder aller Doshas. Ebenfalls förderlich, besonders in der Grundschule, ist die Entwicklung von gemeinsamem Rhythmus. Dies kann leicht durch gemeinsames Singen oder eine Mischung aus Bewegung und Singen wie im Taketina unterstützt werden. Nun kann der Unterricht beginnen. Der Klassenraum sollte eine behagliche und warme Atmosphäre haben. Die Anordnung der Stühle und Tische sollte im Raum eine Harmonie erzeugen. Die Ausrichtung sollte so sein, dass Kinder und Lehrer die Tür sehen können. Die Pädagogen sollten versuchen die einzelnen Kinder so zu setzen, dass die verschiedenen Typen sich gegenseitig bereichern. Ein guter Ayurveda Lehrer beobachtet seine Schüler immer ganz genau – was nehmen sie auf? Gibt es noch Fragen? Ist das Wissen wirklich tief in den Lernenden eingedrungen? Hiervon können wir lernen – diese Aufmerksamkeit kommt den Kindern zu Gute. Wann immer es möglich ist sollte das Gelernte ausprobiert werden – wichtig sind viele anschauliche Übungen für Kinder, die zu eigenen Erfahrungen führen. Die Unterrichtsstunden sollten abwechslungsreich gestaltet werden, damit auch Vata Kinder nicht mit den Gedanken abschweifen. Gleichzeitig muß die Langsamkeit der Kapha Kinder bedacht werden, die einfach etwas länger brauchen, um eine Übung zu machen. Regelmäßige Pausen sollten zum Lüften der Klassenräume genutzt werden. Sauerstoff und gute Luft im Klassenzimmer ist wichtig. Kinder brauchen häufiger Zwischenmahlzeiten als Erwachsene. Während Vata Kinder diese schon mal vergessen, sind sie für Pitta Kinder unverzichtbar und für Kapha Kinder ein wichtiger Bestandteil ihres Schulmorgens. Geeignete Nahrungsmittel sind Nüsse und Datteln sowie Trockenfrüchte, wobei Trockenfrüchte für Vata Kinder zu vermeiden sind. Als Getränke eignen sich warme ungesüßte Tees, die - relativ unaufwendig zu realisieren - im Klassenzimmer bereit stehen sollten. Der Morgen ist besonders ab 10 Uhr eine gute Zeit zum Lernen und aufnehmen, so dass die Schule bis zum Mittag die wichtigen lernaufwendigen Fächer abgedeckt haben sollte. Zwischen 12 und 14 Uhr sollte das Mittagessen eingenommen werden. Dieses sollte immer frisch gekocht sein und eine ausgewogene Mischung für alle Konstitutionstypen anbieten. Während des Essens sowie kurz davor und danach sollten wenig getrunken werden. Geeignet sind auch hier wieder warme ungesüßte Tees oder warmes Wasser. Ab 14 Uhr beginnt die Phase der Kreativität. Hier sollten Kinder sich wie auch immer kreativ beschäftigen. Neben Hausaufgaben, die immer so gestellt sein sollten, dass sie die eigene Kreativität fördern, sollte genug Zeit fürs Spielen bleiben. Der Schul-Nachmittag sollte spätestens um 17 Uhr ausklingen, damit Kinder vor Beginn der Kapha Zeit um 18 Uhr die Abendmahlzeit noch in aller Ruhe zu Hause eingenommen haben können. Bis zur Schlafenszeit sollten die Ruhe und der Austausch in der Familie im Vordergrund stehen.
4. Zwei neue Phänomene:
4.1. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
ADHS
In Mitteleuropa, besonders ist Deutschland, kann man in den letzten Jahren die deutlich wachsende Zahl aufmerksamkeitsgestörter/hyperaktiver Kinder beobachten. Die Schulmedizin sieht keine anderen Lösungen als diese Kinder durch starke Medikamente ruhig zu stellen.
Gemäß der Lehre des Ayurveda sind die Symptome, die bei einem Kind zur Diagnose ADHS führen der Bioenergie Vata zuzuordnen:
· Viele Flüchtigkeitsfehler
· Grosse Probleme mit der Daueraufmerksamkeit
· Scheint häufig nicht zuzuhören
· Bringt Sachen oft nicht zu Ende
· Häufig Probleme mit der Selbstorganisation
· Grosse Abneigung und Widerwillen, sich länger geistig anzustrengen
· Häufiges Verlieren und Verlegen
· Ist oft durch äussere Reize leicht ablenkbar
· Ist im Alltag übermässig vergesslich
· Ständige Unruhe und Zappeln mit Händen und Füssen
· Häufiges Aufstehen; Unfähigkeit, sitzen zu bleiben
· Häufiges, unangepasstes Umherspringen
· Grosse Schwierigkeit, ruhig zu spielen
· "Innerlich wie von einem Motor angetrieben"
· Übermässiges Reden
· Antwortet oft, bevor Frage vollständig gestellt wurde
· Kann fast immer nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist
· Häufiges Stören und Unterbrechen anderer
Alle diese Kriterien bedeuten ein reines Auftreten der Elemente Luft und Äther, die die Bioenergie Vata bilden. Durch die in den letzten Jahren immer stärker werdende Reizüberflutung sind wir in unserer Lebenswelt umgeben von Vata Eindrücken. Gerade für Kinder ist es oft sehr schwer sich vor der Vielfalt der Eindrücke zu schützen und diese innerlich in eine Ordnung zu bringen. Die meisten Kinder, die ADHS Symptome zeigen, haben eine überwiegende Vata Grundkonstitution. Durch die aus der Umwelt auf sie einströmenden weiteren Vata Reize reagieren sie zunächst durch Unaufmerksamkeit. Im weiteren Verlauf versuchen sie die Reize „wieder los zu werden“ – sie wieder nach außen zu setzen und agieren dies oft durch übermäßige Bewegung und Herumzappeln aus.
Für diese Kinder ist es wichtig Vata zu beruhigen, ihre Abgrenzungsfähigkeit zu stärken (Kapha) und ihnen Struktur zu vermitteln (Pitta).
Im Schulalltag werden Kinder mit einem Vata Überschuss zunächst durch die Einführung der oben beschriebenen Regeln des Tagesablaufs gefördert. Daneben ist es für sie besonders wichtig vor Ablenkungen abgeschirmt zu werden. Je nachdem wie fortgeschritten die ADHS Symptome sich zeigen, sollten diese Kinder in einer besonders ruhigen Atmosphäre lernen können.
4.2. Übergewicht bei Kindern: Adipositas
Unsere Eßgewohnheiten haben sich geändert. In vielen Familien greift man auf Fertignahrung zurück. Selbst „frische“ Nahrung wird oft weiterverarbeitet angeboten. Parallel bewegen sich viele Menschen zu wenig. Gerade für Kinder mit einer Kapha Ausrichtung kann dies zum Verhängnis werden. Kapha Kinder haben oft einen kräftigen Appetit und essen gern. Für sie ist es besonders wichtig eine gute Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse wie den Hunger zu spüren und zu lernen darauf zu hören. Dass dies oft schwer ist, liegt in vielen Fällen bei den Erwachsenen. Die Angewohnheit „nach der Uhr“ und nicht nach dem Hunger zu essen ist ebenso verbreitet wie das zuviel essen. Kinder brauchen hier viel Zuwendung und Unterstützung bei der Wahl ihrer Nahrungsmittel.
Die Speisen sollten grundsätzlich so gewählt werden, dass sie den ayurvedischen Regeln einer gesunden Ernährung folgen. (vgl. Fachartikel Ahara – Ayurvedische Ernährung)
Für Kapha Kinder ist es außerdem wichtig, dass Speisen eine stoffwechselanregende Wirkung entfalten. Gerade in der Schulernährung wird viel zu selten auf die Qualität der Nahrung geachtet. Mit einfachen Mitteln könnte man große Verbesserungen für die Kinder erzielen.
Neben der bewussten Ernährung ist viel gesunde Bewegung für Kapha Kinder besonders wichtig. Yoga, Judo oder andere asiatische Kampfsportarten eignen sich sehr gut und fördern gleichzeitig noch die geistige Regsamkeit des eher gemütlichen Kapha Kindes. Fernsehen sollte vermieden werden, da es die Trägheit fördert.
Fangen Sie einfach an:
Ayurvedische Prinzipien im Schulalltag anzuwenden ist eigentlich ganz einfach. Es ist ein Gewinn für Eltern, Lehrer und vor allem für die Kinder, die in Harmonie mit dem Sein ihr Rüstzeug fürs Leben erhalten.
Mit der Umsetzung der Prinzipien kann man ganz leicht beginnen. Es muss nicht von Anfang an alles perfekt nach den ayurvedischen Regeln ablaufen – wichtig ist es damit zu beginnen und langsam den Alltag positiv zu verändern. Sie werden staunen wie viel leichter und schöner Schule sein kann!
© Alexandra Müller, Campus Naturalis
links:
Ausbildungen im Fachbereich Ayurveda
Seminare im Fachbereich Ayurveda