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Von Gesundheit und Krankheit

 


Was ist eigentlich Gesundheit? Wann hört Gesundheit auf und wann beginnt Krankheit? Zwei scheinbar einfache Fragen, die einen näher betrachtet ganz schön ins grübeln bringen können.

Der Patient auf der einen und der Therapeut auf der anderen Seite haben höchst unterschiedliche Sichtweisen auf Krankheit. Sie betrachten sozusagen zwei Seiten einer Münze:

 

Befinden                                           Befund

Kranksein                                                                                        Krankheit

Patient                                              Arzt

Jeder ist Experte im Hinblick auf sein Gebiet. Der Patient nimmt sein eigenes Befinden wahr. Der Therapeut untersucht den Patienten und findet anhand der Schilderung des Befindens den Befund – Diagnose.

Beim Ziel sind sich beide einig: die Befindensbesserung. Der Auftrag, den der Patient dem Therapeut gibt, ist ihm zu helfen.

Nun gibt es aufgrund eines bestimmten Befindens nicht immer einen Befund. Ist die Empfindung des Patienten richtig? Ja, natürlich! Selbst von hindert andere Menschen im gleichen Fall keine Beschwerden hätten, dieser Patient hat Beschwerden und der Therapeut muss ihn damit unbedingt ernst nehmen. Weiterhin ist wichtig: Gestörtes Empfinden, auf das kein Befund folgt, ist nicht zwingend subjektiv.

Man unterscheidet:

 

Empfinden wir eigentlich Gesundheit? 

Was für eine Frage! Natürlich, werden Sie sagen! Tatsächlich empfinden wir Gesundheit nicht unmittelbar, sondern nehmen nur wahr, wenn wir aus dem Zustand des Gesundseins herausfallen – uns krank oder unwohl fühlen.

Um Gesundheit und Krankheit näher zu untersuchen, müssen wir zunächst deren Prinzip der Polarität bzw. Dualität erkennen:

Wir empfinden während des Wachseins vieles bewusst: Durst Sättigung, Ermattung, Müdigkeit. Während des Schlafes ruht diese Empfindung. Stattdessen regenerieren wir. Wir nehmen sehr fein wahr, wie wir uns befinden, so ist das normale Gesundsein ein ständiger Wechsel von

Krankheit                Tag                 

                  und

Gesundung              Nacht.

Die Polarität kann man in vielen Aspekten erleben: Abends sind die Organe ermattet, die Bewusstsein vermitteln wie Gehirn, Augen. Wir brauchen den gesundenden Schlaf.

Im Wachbewusstsein treten sozusagen völlig normale gesunde Abbauprozesse auf, die ein Resultat unseres Wachbewusstsein sind. Nachts haben wir kein Wachbewusstsein. Die dann ablaufenden körperlichen Prozesse sind notwendig und nicht selbstbestimmt – im Gegensatz zu den Gedanken, dem Bewusstsein.

Unsere bewusste Freiheit ist also nur möglich, während diese gesunden Abbauprozesse stattfinden.

Bewusstes geistiges und seelisches Erleben gründet sich also auf abbauenden Prozessen.

Ein guter Therapeut muss einüben zu erkennen, wann das Maß der gesunden Abbauprozesse überschritten wird und der Abbau beginnt den Menschen zu schwächen.

Hierfür entwickelt er quasi einen neuen Sinn, ein neues Organ:

Als Therapeuten müssen wir uns ORGANE, Werkzeuge schaffen, die immer weiter entwickelt werden sollen, um zu erkennen in welchem Maß der Patient aus der Gesundheit heraus gefallen ist. Nur dann können wir wissen, wo wir ihn stärken und wie wie seine Heilung unterstützen können.

„Jeder Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“ (Goethe)

 

Kann man als Therapeut den Zustand des Anderen unmittelbar erleben?

Kennen Sie dieses Phänomen? Ein Redner ist heiser; die Zuhörer vollziehen unbewusst sein Sprechen mit. Er macht eine Pause, die Zuhörer räuspern sich. à Unbewusst vollzieht man die Handlungen des Anderen mit. Sind diese krank, „kränken“ sie uns, sind sie harmonisch, gesunden sie uns. Das gilt auch für Bewegungen. Dies ist eine Möglichkeit die Stimmung des anderen unmittelbar zu erfahren, wie ein Abdruck der Stimmung des anderen in mir.

Wir oszillieren zwischen der Wahrnehmung des Du und der des Ich. Auch hier findet sich die Polarität von Tag und Nacht wieder – von bewusst und unbewusst:

         Ver – andern                                       Ver – selbsten

         Der Andere verändert mich                    Ich komme zu mir

         Einschlafen                                         Aufwachen

         unbewusst                                          bewusst                    

  

Man lässt sich vom Krank-Sein des Anderen „erfassen“, nimmt miniaturhaft das Kranksein des Anderen auf sich.

Was muss man in sich vollziehen, um sich ins Gleichgewicht zu bringen – für sich und den Anderen?

Die Haltung des Therapeuten ist essentiell für seine eigene Gesunderhaltung und für die Gesundung des Patienten:

à Aus der Berührung (Mit-Leid) entsteht ein Teil-Haben (griech. Methesis). Durch die Annahme (des Gesunden) der Miniaturkrankheit und dem Vorleben der Gesundung entwickeln wir uns.

Für Therapeuten ist es perspektivisch essentiell den Patienten nicht in seinem Mangel wahrzunehmen, sondern in seinen Fähigkeiten. Sonst nimmt man ihn vereinseitigt in seinem Kranksein wahr. Das Denken sollte immer dialektisch – polar - dual sein, um die Kräfte des Krankseins wahrzunehmen, die auch zum Gesundsein notwendig sind. Die Frage ist also: Was führt hier wo zu Krankheit und wo (und in welchem Umfang) wird es zum Gesund-Sein gebraucht?

Nossrat Peseschkian, der Begründer der Positiven Psychotherapie, beschreibt Störungen immer von der positiven Seite her: So greift er Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brechsucht) als die Fähigkeit, mit wenig Mitteln auszukommen. Und: Die Fähigkeit, am Hunger der Welt teilzuhaben. (Nossrat Peseschkian: Psychosomatik und Positive Psychotherapie, Fischer 1997

In der Krankheit gibt es nicht grundsätzlich Neues - nur gewisse Kräfte am falschen Ort, in der falschen Intensität.

Krankheit zielt gelingend oder misslingend auf Selbstheilung. Im letzteren Fall ist der Therapeut gefragt den Patienten bei der (Selbst-)Heilung zu helfen.

Krankheit und Gesundheit kann also nicht an Normgerechtigkeit oder Normabweichung gemessen werden, sondern ist mehr als ein fixer naturwissenschaftlicher Wert – ein BEFINDEN.

In den Krankheitsprozessen zeigen sich bereits salutogene Prozesse, die es zu erkennen gilt. Oft wird interveniert, wo man nichts tun müsste. So ist Fieber an sich keine Krankheit, sondern ein Zeichen des Körpers, dass er aktiv gegen pathogene (krankmachende) Prozesse ankämpft. Es gilt daher stets die Notwendigkeit des therapeutischen Eingreifens zu überlegen.

 

© Alexandra Müller, Campus Naturalis


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