Gefährdungsbeurteilung Psyche – warum sie Pflicht ist und was sie wirklich bringt
Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit, gereizte Stimmung im Team – für viele Beschäftigte in Deutschland gehört psychischer Druck längst zum Arbeitsalltag.
Laut dem DGUV Barometer Arbeitswelt 2025 berichten 51 Prozent der Befragten von erhöhtem Zeitdruck und 43 Prozent von einem gereizteren Betriebsklima – branchenübergreifend 1.
Die Folgen sind messbar:
Der DAK-Psychreport 2025 zeigt, dass psychische Erkrankungen im Jahr 2024 insgesamt 342 Fehltage je 100 Versicherte verursachten und damit Platz 3 der häufigsten Krankheitsursachen belegen 2. Die durchschnittliche Krankschreibungsdauer lag bei 33 Tagen pro Fall – ein Wert, der mit dem Alter auf bis zu 58 Tage steigt 2. Die volkswirtschaftlichen Produktionsausfallkosten durch psychische Erkrankungen beziffert die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für 2023 auf 20,5 Milliarden Euro, den Ausfall an Bruttowertschöpfung sogar auf 35,4 Milliarden Euro 3.

Gereizte Stimmung im Team – für viele Beschäftigte längst Arbeitsalltag!
Trotz dieser alarmierenden Zahlen bleibt ein entscheidendes Instrument des Arbeitsschutzes weitgehend ungenutzt: die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (kurz: GB Psych). Seit 2013 ist sie gesetzlich vorgeschrieben – doch laut dem DEKRA Arbeitssicherheitsreport 2025 geben nur 28 Prozent der Beschäftigten an, dass in ihrem Betrieb psychische Gefährdungen überhaupt beurteilt werden 4. In kleinen Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitenden findet sie sogar in 79 Prozent der Fälle nicht statt 4. Wie kann ein Werkzeug, das so dringend gebraucht wird, so wenig genutzt werden?
DAK-Psychreport 2025: Psychische Erkrankungen verursachten im Jahr 2024 insgesamt 342 Fehltage je 100 Versicherte
WAS GENAU IST DIE GB PSYCH – UND WAS IST SIE NICHT?
Zunächst ein verbreitetes Missverständnis: Bei der GB Psych geht es nicht darum, die psychische Gesundheit einzelner Mitarbeitender zu bewerten. Vielmehr werden die Arbeitsbedingungen systematisch untersucht – also alles, was von außen auf die Beschäftigten einwirkt 5. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) benennt fünf zentrale Belastungsbereiche, die jeder Betrieb prüfen sollte 6:
| Belastungsbereich | Beispiele für kritische Ausprägungen |
| Arbeitsinhalte | Monotone Tätigkeiten, geringer Handlungsspielraum, emotionale Inanspruchnahme |
| Arbeitsorganisation | Hoher Zeit- und Leistungsdruck, häufige Unterbrechungen, unklare Zuständigkeiten |
| Arbeitszeit | Ungünstige Schichtarbeit, fehlende Planbarkeit, mangelnde Erholung |
| Soziale Beziehungen | Konflikte mit Vorgesetzten, fehlende Unterstützung, Mobbing |
| Arbeitsumgebung | Lärm, räumliche Enge, ungünstige Beleuchtung |
Die gesetzliche Grundlage bildet § 5 Abs. 3 Nr. 6 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG). Danach müssen alle Arbeitgeber – unabhängig von Branche oder Betriebsgröße – eine Gefährdungsbeurteilung durchführen, die auch psychische Belastungsfaktoren berücksichtigt 5. Wer dies unterlässt, riskiert bei Kontrollen Anordnungen der Aufsichtsbehörden und im Wiederholungsfall Bußgelder gemäß § 25 ArbSchG 7.
WARUM DIE UMSETZUNG SO OFT SCHEITERT
Die Gründe für die geringe Umsetzungsquote sind vielschichtig. Viele Arbeitgeber wissen schlicht nicht, dass sie zur GB Psych verpflichtet sind 8. Andere schätzen den Aufwand falsch ein oder fürchten, Probleme aufzudecken, die sie nicht lösen können. Hinzu kommt: Anders als bei physischen Gefährdungen wie Lärm oder Gefahrstoffen gibt es kein einfaches Messgerät für psychische Belastungen 5. Stattdessen stehen drei bewährte Methoden zur Verfügung: schriftliche Mitarbeiterbefragungen, moderierte Analyseworkshops und Beobachtungsinterviews 5. Welches Verfahren passt, hängt vom Betrieb ab. Entscheidend ist, dass die Beschäftigten als Expertinnen und Experten für ihre eigene Arbeitssituation einbezogen werden 6.
2026: DAS JAHR DER VERSCHÄRFTEN KONTROLLEN
Für Unternehmen, die bisher abgewartet haben, wächst der Handlungsdruck erheblich. Seit Januar 2026 ist die überarbeitete DGUV Vorschrift 2 in Kraft 9. Sie öffnet die sicherheitstechnische Fachkunde für Arbeitspsychologie und Ergonomie, sodass Unternehmen interdisziplinäre Teams für die GB Psych einsetzen können 9. Gleichzeitig erhöhen die staatlichen Aufsichtsbehörden ihre Kontrollquoten deutlich und prüfen bei Betriebsbesuchen verstärkt die Qualität der psychischen Gefährdungsbeurteilung 10. Die Nationale Präventionskonferenz (NPK) hat unter Vorsitz der DGUV das Schwerpunktthema „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ für 2026 ausgerufen 11. Die Botschaft ist klar: Die Schonfrist ist vorbei.

Der Handlungsdruck wächst: Seit Januar 2026 ist die überarbeitete DGUV Vorschrift 2 in Kraft!
VON DER PFLICHT ZUR CHANCE
Wer die GB Psych nur als lästige Pflicht versteht, verschenkt enormes Potenzial. Fachleute schätzen, dass die Krankheitskosten in Unternehmen nach konsequenter Umsetzung um durchschnittlich 26 Prozent sinken können 12. Die Gefährdungsbeurteilung deckt nicht nur Risiken auf, sondern identifiziert auch Ressourcen, die Beschäftigte gesund und motiviert halten 6. Sie ist damit weit mehr als ein Compliance-Instrument – Sie ist ein Hebel für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Mitarbeiterbindung und letztlich auch für wirtschaftlichen Erfolg.
Die sieben Schritte des GDA-Prozesses bieten dafür einen klaren Rahmen: 6
- Tätigkeiten und Bereiche festlegen
- Belastungsmerkmale ermitteln
- Beurteilen
- Maßnahmen festlegen
- Durchführen
- Wirksamkeit prüfen
- Und dokumentieren
Besonders wichtig ist dabei eine offene Kommunikation:
Wenn Beschäftigte spüren, dass Ergebnisse ernst genommen und Verbesserungen tatsächlich umgesetzt werden, steigen Akzeptanz und Beteiligung – und damit auch die Qualität der Ergebnisse 6.
UNSER FAZIT
Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist weit mehr als eine bürokratische Pflichtübung. Sie ist ein zentrales Instrument, um Arbeit gesund zu gestalten und Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.
Die verschwindend geringe Umsetzungsquote zeigt, dass es an Wissen, Kompetenz und oft auch an Mut fehlt, sich dem Thema ernsthaft zu stellen.
Genau hier setzt campus naturalis an:
Mit der Ausbildung für Fachberatung Stressbewältigung und Burnout Prävention bildet campus naturalis Fachkräfte aus, die Unternehmen kompetent durch den Prozess der psychischen Gefährdungsbeurteilung begleiten und nachhaltige Lösungen für gesunde Arbeitsbedingungen entwickeln können. Wer die Zeichen der Zeit erkennt, investiert nicht nur in Prävention – sondern in eine Unternehmenskultur, in der Menschen gern und gesund arbeiten.
Quelle1:
DGUV Barometer Arbeitswelt 2025
aug.dguv.de
Quelle2:
DAK-Psychreport 2025
dak.de
Quelle3:
BAuA – Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit / DEKRA Arbeitssicherheitsreport 2025
dekra.de
Quelle4:
DEKRA Arbeitssicherheitsreport 2025
dekra.de
Quelle5:
BGW – Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung / BAZ Bergisches Land
bgw-online.de
Quelle6:
GDA – Empfehlungen zur Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung
gda-psyche.de
Quelle7:
KomNet NRW – Sanktionen bei fehlender GB Psych
komnet.nrw.de
Quelle8:
Haufe – Zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen
haufe.de/personal
Quelle9:
Basi – Psyche in der Gefährdungsbeurteilung 2026
basi.de
Quelle10:
Ad-hoc-news – Psychische Gesundheit: Arbeitsschutz rückt 2026 in den Fokus
ad-hoc-news.de
Quelle11:
Ad-hoc-news – Arbeitsschutz 2026: Psychische Gesundheit und Homeoffice im Fokus
ad-hoc-news.de
Quelle12:
PGB Kompakt – Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen lohnt sich
pgb-kompakt.de



