Longevity: Warum Ihre Einstellung zum Alter wichtiger ist als Ihre Gene
Wir leben in einer Gesellschaft, die vom Jugendwahn besessen ist. Wir investieren jedes Jahr Milliarden in Cremes, Hyaluron, Superfoods und High-Tech-Fitness-Tracker, nur um dem unvermeidlichen Zeiger der Uhr ein Schnippchen zu schlagen.
Der Begriff „Anti-Aging“ ist allgegenwärtig und suggeriert subtil, aber wirkungsvoll:
Das Altern ist ein Feind, den es zu bekämpfen gilt. Doch was wäre, wenn genau dieser Kampfgeist das Problem ist? Was wäre, wenn der mächtigste Faktor für ein langes Leben gar nicht in einer Pille steckt, nicht auf dem Laufband erarbeitet wird und in keinem Labor der Welt synthetisiert werden kann?
Die moderne Altersforschung, speziell die Psychoneuroimmunologie und Epigenetik, liefert mittlerweile verblüffende Beweise dafür, dass das Altern kein rein biologisches Schicksal ist, das passiv erduldet werden muss. Es ist vielmehr ein hochkomplexer, interaktiver Prozess zwischen unseren Zellen und unseren Überzeugungen. Wenn wir glauben, dass Alter gleichbedeutend mit Abbau, Schmerz und Gebrechlichkeit ist, erfüllen unsere Körper diese Prophezeiung mit einer fast schon erschreckenden biochemischen Präzision. Drehen wir den Spieß jedoch um, geschieht etwas Magisches: Unsere Biologie folgt unserem Geist.
In diesem Artikel tauchen wir tief in die Wissenschaft der Longevity ein. Wir beleuchten, warum Ihre Gedanken über das Alter über Ihre Lebensspanne entscheiden können und wie Sie dieses Wissen nutzen, um nicht nur länger, sondern qualitativ besser zu leben.
Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel: Weg vom „Anti-Aging„, hin zum „Pro-Aging“.

Longevity: Weg vom „Anti-Aging“, hin zum „Pro-Aging“!
DIE WISSENSCHAFT DES OPTIMISMUS: 7,5 JAHRE BONUS
Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein, doch die Zahlen sind wissenschaftlich solide und vielfach repliziert. Die vielleicht wichtigste Untersuchung auf diesem Gebiet stammt von Prof. Dr. Becca Levy von der Yale University. In ihrer bahnbrechenden Langzeitstudie begleitete sie über Jahrzehnte hinweg Hunderte von Teilnehmern. Das Ergebnis erschütterte die medizinische Fachwelt:
Menschen, die eine positive Sicht auf das Älterwerden hatten, lebten im Durchschnitt 7,5 Jahre länger als diejenigen mit negativen Stereotypen 1.
Um diese Zahl in die richtige Relation zu setzen: Dieser Effekt des Mindsets ist statistisch gesehen stärker als der Einfluss von niedrigem Blutdruck, niedrigen Cholesterinwerten, einem niedrigen Body-Mass-Index oder sogar dem Verzicht auf das Rauchen. Während wir also obsessiv unsere Blutwerte optimieren und Kalorien zählen, übersehen wir oft das „psychologische Toxin“ – die negativen Bilder vom Alter, die wir verinnerlicht haben.
Aber wie genau funktioniert das? Es ist keine Esoterik, sondern Physiologie. Wer das Alter als Bedrohung wahrnimmt („Ich werde schwach„, „Ich bin nutzlos„), versetzt seinen Körper in einen chronischen Alarmzustand. Selbst unterschwelliger Stress sorgt für eine dauerhafte Ausschüttung von Cortisol.
Ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel wirkt im Körper wie Säure:
Er greift das Herz-Kreislauf-System an, schwächt das Immunsystem und fördert Entzündungsprozesse im Gehirn (Neuroinflammation). Im Gegensatz dazu führt eine positive Einstellung („Ich habe Erfahrung„, „Ich werde gelassener„) zu einer besseren Stressregulation. Das parasympathische Nervensystem bleibt aktiv, der Blutdruck sinkt, und das Herz wird geschont.
Prof. Dr. Becca Levy: Senioren mit positiven Altersbildern erholen sich nach einer schweren Krankheit oder Verletzung deutlich schneller und vollständiger als Pessimisten.
DER TELOMER-EFFEKT: WIE GEDANKEN DIE DNA FORMEN
Wenn wir noch tiefer in die Zelle hineinzoomen, stoßen wir auf die Arbeit der Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn. Sie erforschte die Telomere. Man kann sich diese wie die Plastikkappen an den Enden von Schnürsenkeln vorstellen. Sie sitzen an den Enden unserer Chromosomen und schützen unsere Erbinformation bei jeder Zellteilung. Mit jedem Jahr werden diese Telomere natürlich etwas kürzer. Sind sie zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt ab – wir altern.
Das Faszinierende an Blackburns Entdeckung war jedoch nicht der Prozess an sich, sondern dessen Beschleuniger. Sie fand heraus, dass psychischer Stress, Grübeln und eine feindselige Haltung gegenüber dem eigenen Leben die Telomere rasant verkürzen 2. Wer ständig denkt „Ich bin zu alt für das hier“ oder „Mein Leben ist vorbei„, sendet biochemische Signale, die das Enzym Telomerase hemmen. Umgekehrt schützen Gefühle von Sinnhaftigkeit, Dankbarkeit und Selbstwirksamkeit diese Schutzkappen. Das bedeutet im Klartext: Ihre Gedanken steuern die Geschwindigkeit, mit der Ihre genetische Uhr tickt.
DAS PARADOX DES SUBJEKTIVEN ALTERS
Ein weiterer spannender Aspekt ist das sogenannte „subjektive Alter“. Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) von 2023 und Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen ein interessantes Phänomen: Wir werden zwar älter, fühlen uns aber jünger. Ein heute 70-Jähriger ist biologisch und kognitiv oft auf dem Stand eines 60-Jährigen vor zwanzig Jahren 3, 4.
Interessant ist hierbei eine Studie der Universitätsmedizin Greifswald aus dem Jahr 2024. Sie zeigt, dass sich die Definition von „alt“ verschiebt. Jüngere Menschen empfinden jemanden schon ab 63 als alt. Wer selbst auf dieses Alter zugeht, schiebt diese Grenze jedoch intuitiv nach hinten – oft jenseits der 70 oder 75 5.
Das ist ein gesunder psychologischer Schutzmechanismus. Studien zeigen, dass das subjektive Alter oft ein präziserer Prädiktor für die verbleibende Lebenszeit ist als das Geburtsdatum im Pass. Menschen, die sich jünger fühlen, haben mehr Graue Substanz im Gehirn und leiden seltener an altersbedingten Depressionen. Wer sich hingegen „alt fühlt“, bewegt sich weniger, zieht sich sozial zurück und beschleunigt damit unbewusst seinen eigenen Abbau.
DIE FALLE DER „SELF-FULFILLING PROPHECY“
Das Problem in unserer Kultur ist der weitverbreitete „Ageism“ – die Diskriminierung aufgrund des Alters. Diese Diskriminierung kommt nicht nur von außen (durch Arbeitgeber oder Medien), sondern oft von uns selbst. Wir schauen in den Spiegel, sehen eine Falte und denken: „Es geht bergab.“
Wenn Sie davon überzeugt sind, dass Sie im Alter vergesslich werden müssen, werden Sie sich weniger anstrengen, neue Dinge zu lernen. Sie kaufen sich kein neues technisches Gerät mehr („Das lerne ich eh nicht mehr„) oder gehen nicht mehr zum Tanzkurs („Das ist nichts für meine Knochen„).
Die Folge? Das Gehirn baut ab – nicht primär wegen des Alters, sondern wegen mangelnder Nutzung („Use it or lose it“). Das ist die klassische selbsterfüllende Prophezeiung.
Hier kommt der systemische Ansatz ins Spiel, wie er beispielsweise in der Ausbildung bei campus naturalis gelehrt wird. Im Konstruktivismus gehen wir davon aus, dass wir unsere Wirklichkeit durch unsere Bewertungen erzeugen. Wenn das innere Narrativ lautet „Alter ist eine Krankheit“, filtert unser Gehirn (das retikulare Aktivierungssystem) alle Informationen so, dass dieses Bild bestätigt wird. Jedes Zwicken im Knie ist dann der Beweis für den Verfall, nicht etwa die Folge von zu wenig Bewegung gestern.

Longevity: Jung bleiben wird von Lifestyle und Umweltfaktoren bestimmt!
EPIGENETIK: SIE HABEN ES IN DER HAND
Die gute Nachricht ist überwältigend: Wir sind unseren Genen nicht ausgeliefert. Die Epigenetik lehrt uns, dass die DNA nur etwa 15 bis 30 Prozent unserer Langlebigkeit bestimmt. Der riesige Rest von 70 bis 85 Prozent wird durch Lifestyle und Umweltfaktoren bestimmt 6. Und der wichtigste Umweltfaktor für Ihre Zellen ist das chemische Milieu, das durch Ihre Emotionen erzeugt wird.
Wir können unsere „mentale Software“ umschreiben. Dies erfordert jedoch aktive Arbeit. Es reicht nicht, sich vor den Spiegel zu stellen und positive Affirmationen zu murmeln. Es geht um eine tiefe Veränderung der inneren Haltung – ein sogenanntes „Reframing“. Statt das Alter als Verlust von Jugend zu sehen, können wir es als Gewinn an Souveränität betrachten. In den sogenannten „Blue Zones“ – Regionen wie Okinawa oder Sardinien, wo Menschen überdurchschnittlich oft 100 Jahre alt werden – gibt es kein Wort für Rente. Dort werden Ältere als Weisheitsträger verehrt. Dieses Gefühl, gebraucht zu werden (in Japan „Ikigai“ genannt), ist ein mächtiger Lebensverlängerer.
PRAKTISCHE SCHRITTE FÜR EIN LONGEVITY-MINDSET
Wie können wir dieses Wissen nun in den Alltag integrieren? Hier sind konkrete, evidenzbasierte Strategien für ein langes Leben:
- Achtsamkeit auf die Sprache:
Streichen Sie Sätze wie „In meinem Alter macht man das nicht mehr“ aus Ihrem Wortschatz. Hören Sie auf, „Senior Moments“ zu entschuldigen, wenn Sie den Schlüssel verlegen. Auch 20-Jährige vergessen Schlüssel und Namen. Bewerten Sie es nicht über. - Mentoren suchen:
Unser Gehirn lernt am Modell. Suchen Sie sich Vorbilder, die im hohen Alter aktiv, modisch, politisch interessiert oder sportlich sind. Wenn Sie sehen, dass es möglich ist, glaubt auch Ihr Unterbewusstsein daran. - Lernen als Elixier:
Neuroplastizität endet nicht mit 30. Das Gehirn ist bis ins höchste Alter formbar. Das Erlernen einer komplexe Tätigkeit (eine neue Sprache, ein Instrument, ein neuer Tanz) ist das effektivste Anti-Aging-Mittel für den Cortex. Routine ist der Feind der Langlebigkeit; Neuheit ist ihr Freund. - Generativität leben:
Geben Sie etwas weiter. Sei es als Mentor im Beruf, als Großelternteil oder im Ehrenamt. Wer sich um andere kümmert, aktiviert das „Caregiving-System“ im Gehirn, welches Stress reduziert und Oxytocin ausschüttet. - Systemische Umdeutung:
Wenn Sie eine körperliche Einschränkung bemerken, fragen Sie sich: „Was geht trotzdem noch? Welche neuen Wege öffnen sich dadurch?“ Statt auf den Verlust zu fokussieren, richten Sie den Blick auf die verbleibenden Ressourcen.
UNSER FAZIT
Longevity ist kein reines Medizinprodukt. Es ist primär eine Haltung. Die Forschung zeigt unmissverständlich: Wer dem Alter mit Neugier, Akzeptanz und Optimismus begegnet, gewinnt nicht nur Jahre dazu, sondern füllt diese Jahre auch mit mehr Leben. Es ist nie zu spät, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen.
Die Fähigkeit, das eigene Leben und das Älterwerden neu zu rahmen, ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Oft sitzen negative Glaubenssätze tief und stammen aus der Kindheit oder gesellschaftlichen Prägungen. Hier kann professionelle Unterstützung der Schlüssel sein. Techniken aus der systemischen Beratung helfen dabei, diese starren Muster aufzubrechen und eine neue, lebensbejahende Geschichte über das eigene Selbst zu schreiben. Denn am Ende entscheidet der Kopf, wie leicht oder schwer der Körper die Jahre trägt.
Möchten Sie lernen, wie man solche tiefsitzenden Glaubenssätze und Narrative professionell verändert – bei sich selbst oder bei anderen? Informieren Sie sich über den Kurs Ausbildung im Bereich Systemische Beratung oder besuchen Sie die kostenlosen Online-Schnupperkurse.
Quelle1:
Levy, B. R., Slade, M. D., Kunkel, S. R., & Kasl, S. V. (2002). Longevity increased by positive self-perceptions of aging. Journal of Personality and Social Psychology, 83(2), 261–270.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
Quelle2:
Spektrum der Wissenschaft. (2021, 16. Juni). Alternsforschung: Positive Einstellung zum Altern hält gesund (Diskussion der Telomer-Forschung von E. Blackburn).
spektrum.de
Quelle3:
Statistisches Bundesamt (Destatis). (2025, 25. Juli). Sterbefallzahlen und Lebenserwartung erreichen wieder Vor-Corona-Niveau [Pressemitteilung Nr. 266].
destatis.de
Quelle4:
Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA). (2023). Deutscher Alterssurvey (DEAS): Kernergebnisse der Befragung 2023
dza.de
Quelle5:
Universitätsmedizin Greifswald. (2024, 1. Mai). Greifswalder Studie: Wahrnehmung des Alters im Wandel.
medizin.uni-greifswald.de
Quelle6:
Deutsche Welle (DW). (2015, 21. August). Altern: Wie viel liegt in den Genen? (unter Bezugnahme auf Forschung des Max-Planck-Instituts für Biologie des Alterns).
dw.com



