Warum der Psychologische Ersthelfer eine der wichtigsten Ressourcen eines Teams ist
Es ist eine stille Pandemie, die durch deutsche Büros, Werkhallen und Homeoffice-Zimmer zieht. Während wir physische Arbeitsunfälle akribisch dokumentieren und für jeden Kratzer einen Verbandskasten parat haben, bleibt die Psyche oft unversorgt.
Die Zahlen sind alarmierend:
Laut dem aktuellen TK Stressreport 2025 fühlen sich mittlerweile zwei Drittel der Menschen in Deutschland häufig oder zumindest manchmal gestresst 1.
Doch Stress ist nur der Vorbote. Wenn aus Druck Krankheit wird, zahlen Unternehmen einen hohen Preis – menschlich wie ökonomisch. Ein Psychologischer Ersthelfer ist in diesem Szenario kein „Nice-to-have“ für die Feel-Good-Atmosphäre, sondern eine knallharte Notwendigkeit zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit. Er ist das erste Glied einer lebenswichtigen Rettungskette. Doch was genau macht diese Person? Und warum kann sie den Unterschied zwischen einer kurzen Auszeit und einem monatelangen Ausfall bedeuten?
DIE FAKTENLAGE: EIN TEURES SCHWEIGEN
Die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Der DAK Psychreport 2025 (basierend auf Daten von 2024) zeigt auf, dass Depressionen allein für 183 Fehltage je 100 Beschäftigte verantwortlich sind 2. Noch drastischer formuliert es der AOK Fehlzeiten-Report 2025: Zwar machen psychische Erkrankungen „nur“ 12,5 % aller Fälle aus, sie verursachen aber mit durchschnittlich 28,5 Tagen pro Fall die mit Abstand längsten Ausfallzeiten 3.
AOK Fehlzeiten-Report 2025: psychische Erkrankungen machen „nur“ 12,5 % aller Fälle aus, verursachen aber mit durchschnittlich 28,5 Tagen pro Fall die mit Abstand längsten Ausfallzeiten
Für Arbeitgeber bedeutet das massive Kosten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bezifferte die Aufwendungen für Entgeltfortzahlungen im Jahr 2024 auf geschätzte 82 Milliarden Euro 4. Hinzu kommen die Kosten der „inneren Kündigung“. Laut dem Gallup Engagement Index 2024 gehen der deutschen Wirtschaft jährlich rund 113,1 Milliarden Euro verloren, weil Mitarbeiter innerlich bereits abgeschaltet haben 5.

Psychologischer Ersthelfer: Wahrnehmen – Ansprechen – Lotsen
WAS IST EIN PSYCHOLOGISCHER ERSTHELFER?
Hier herrscht oft ein Missverständnis. Ein Psychologischer Ersthelfer ist kein Ersatztherapeut und auch kein „Hobby-Psychologe“, der in der Kaffeeküche Diagnosen stellt. Im Gegenteil: Eine seriöse Ausbildung, wie sie etwa „campus naturalis“ anbietet, lehrt genau diese Abgrenzung.
Die Aufgaben lassen sich als Lotsenfunktion beschreiben:
- Wahrnehmen:
Frühzeitiges Erkennen von Verhaltensänderungen (Rückzug, Gereiztheit, Fehlerhäufung). - Ansprechen:
Das Führen eines wertschätzenden, nicht-wertenden Erstgesprächs. - Lotsen:
Die Betroffenen zu professionellen Hilfsangeboten (BEM, EAP, Therapeuten, Kliniken) weiterleiten.
Kritische Stimmen, wie ein Review der Cochrane Library (2023), merkten an, dass Laien-Hilfe keine klinischen Symptome heilt 6. Das ist korrekt und unterstreicht die Wichtigkeit der Rolle: Der Ersthelfer heilt nicht – er baut die Brücke zur Heilung. Er senkt die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen.
DIE RETTUNGSKETTE IM BETRIEB
Ähnlich wie bei der physischen Ersten Hilfe („Absichern, Notruf, Helfen„) folgt auch die psychische Erste Hilfe einer klaren Struktur. Ohne ausgebildete Ersthelfer bricht diese Kette oft schon am ersten Glied.
- PRÄVENTION & BEOBACHTUNG:
Führungskräfte sind oft zu weit weg oder selbst zu belastet. Die EY Jobstudie zeigt, dass fast 30 % der Beschäftigten wegen des Vorgesetztenverhaltens unzufrieden sind 7. Ein kollegialer Ersthelfer agiert auf Augenhöhe und wird eher ins Vertrauen gezogen. - INTERVENTION (DAS GESPRÄCH):
Hier scheitern die meisten Laien. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, wird geschwiegen. Ein geschulter Ersthelfer kennt Gesprächstechniken, um das „Schweigen zu brechen“, ohne zu pathologisieren. - WEITERLEITUNG:
Der Ersthelfer kennt die internen und externen Hilfsangebote. Er begleitet den Weg zum Betriebsarzt oder zur Personalabteilung, falls gewünscht.
RECHTLICHE UND WIRTSCHAFTLICHE RELEVANZ
Neben der moralischen Verpflichtung gibt es harte rechtliche Rahmenbedingungen. Das Arbeitsschutzgesetz (§ 5 ArbSchG) schreibt die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen zwingend vor 8. Unternehmen, die hier Strukturen nachweisen – etwa durch benannte Ansprechpartner –, minimieren ihr Haftungsrisiko.
BAuA Schätzung: Der Verlust an Bruttowertschöpfung durch Arbeitsunfähigkeit beträgt 227 Milliarden Euro
Zudem rechnet sich die Investition. Die BAuA schätzt den Verlust an Bruttowertschöpfung durch Arbeitsunfähigkeit auf gigantische 227 Milliarden Euro 9. Jeder Tag, den ein Mitarbeiter durch frühzeitige Intervention nicht in die Langzeiterkrankung rutscht, spart dem Unternehmen bares Geld und erhält wertvolles Know-how.

Das Arbeitsschutzgesetz schreibt die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen vor!
DIE ROLLE DER AUSBILDUNG
Guter Wille reicht nicht. Wer psychisch belastete Kollegen unterstützen will, braucht Rüstzeug, um sich nicht selbst zu belasten (Psychohygiene).
Eine fundierte Weiterbildung vermittelt:
- Grundlagen psychischer Störungsbilder (Depression, Angst, Sucht).
- Rechtliche Grenzen und Schweigepflicht.
- Gesprächsführung in Krisensituationen (Suizidalität).
- Selbstschutz für den Ersthelfer.
UNSER FAZIT
Die Einführung Psychologischer Ersthelfer ist ein starkes Signal der Wertschätzung an die Belegschaft. Sie verwandelt ein Unternehmen von einem Ort, der Energie raubt, in einen Ort, der Sicherheit bietet. Angesichts steigender Burnout-Zahlen und des Fachkräftemangels können es sich Betriebe schlicht nicht mehr leisten, die psychische Gesundheit dem Zufall zu überlassen. Bauen Sie Ihre Rettungskette jetzt auf, bevor der Notfall eintritt.
Möchten Sie aktiv werden und eine Schlüsselrolle in der betrieblichen Gesundheitsvorsorge übernehmen? Informieren Sie sich über den Kurs Fachfortbildung Psychologischer Ersthelfer:in oder besuchen Sie die kostenlosen Online-Schnupperkurse.
Quelle1:
TK Stressreport 2025.
tk.de
Quelle2:
DAK Psychreport 2025 (Update).
dak.de
Quelle3:
AOK Fehlzeiten-Report 2024/2025.
rehadat-statistik.de
Quelle4:
Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Kurzbericht 2025.
iwkoeln.de
Quelle5:
Gallup Engagement Index Deutschland 2024.
gallup.com
Quelle6:
Deutsches Ärzteblatt / Cochrane Review 2023.
aerzteblatt.de
Quelle7:
EY Jobstudie 2023.
deutschlands-marktforscher.de
Quelle8:
Gesetze im Internet (ArbSchG).
gesetze-im-internet.de
Quelle9:
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Kosten 2024.
baua.de




