17.11.2016
Beate Schröter und Birgit Groll

Achtsamkeit im Beruf

Achtsam in einem umfassenden Sinn zu sein, ist ein Weg, auf dem wir uns in unserer Persönlichkeit weiterentwickeln #

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben.

(Sonnenhof Holzinshaus, Sutras, o. J. S. 13)

Achtsamkeit ist eine Haltung, mit der ich mir selbst, meinen Mitmenschen und der Umwelt begegne. Achtsamkeit lernt man nicht innerhalb eines einzigen Kurses, um dann anschließend Achtsamkeitstrainer zu sein. Und doch kann genau dieser spezielle Kurs einem den Weg weisen, genau dorthin zu kommen – in die Achtsamkeit und ins Lehren.

Achtsam in einem umfassenden Sinn zu sein, ist ein Weg, auf dem wir uns in unserer Persönlichkeit weiterentwickeln.

Nun ist es nicht so, dass wir erst ein bestimmtes Alter oder eine spezielle Ausbildung brauchen, um achtsam zu sein. Bereits Kinder sind achtsam, wenn sie ihre Umgebung erkunden, ein Gänseblümchen anschauen oder ihren Mitmenschen aufmerksam in die Augen blicken. Sie sind es aus sich heraus und es ist ihnen nur nicht bewusst, dass das, was sie da gerade tun – wie sie gerade sind – ein frühes „Training“ in Achtsamkeit ist.

Wenn wir nun als Erwachsene die Achtsamkeit für uns wiederentdecken, haben wir meist einen guten Grund dafür. Vielleicht fühlen wir eine bestimmte Leere in uns, stellen uns Fragen nach dem Sinn unseres Lebens oder sind sogar in einer Stressspirale gefangen, die uns schadet und nach Veränderung drängt.

Wir sind vielleicht an einer Grenze in unserem Leben angekommen und fragen uns: Warum habe ich die Warnsignale, die mir mein Körper oder meine Seele gesendet haben, nicht früher wahrgenommen? Warum konnte ich mich von gewissen Ansprüchen aus meiner beruflichen (und privaten) Umgebung nicht abgrenzen?

Gemeinsamkeiten sozialer Berufe - Achtsamkeit im Alltag

Soziale Berufe sind helfende Berufe. In ihnen arbeiten Menschen, die – meist von Kindheit an - gelernt haben, auf die Bedürfnisse von anderen Menschen einzugehen und sie zu beantworten.

Menschen, für die es wichtig ist, etwas Sinnvolles für andere Menschen zu tun. Menschen, deren Selbst- und Berufsbild von hohen (manchmal auch überhöhten) Selbstansprüchen geprägt ist.

Auf der anderen Seite werden die eigenen Bedürfnisse oft nicht erkannt und gelebt, sondern unbewusst über die soziale Arbeit befriedigt. Es entwickeln sich die „Hilflosen Helfer“ mit der Gefahr, sich im Helfersyndrom wiederzufinden und keine wertschätzende, erwachsene Haltung mehr sich selbst und anderen gegenüber einnehmen zu können.


Achtsamkeitstraining - wie geht das?

Im Achtsamkeitstraining konzentrieren wir uns immer wieder auf den Körper, indem wir während der Meditation z.B. auf den Atem, auf die Gedanken, Gefühle, den Körper selbst (Body Scan) und auf den „leeren Raum“, der entsteht, bevor ein neuer Gedanke sich meldet, achten.

Die Konzentration wird auf den eigenen inneren Beobachter gelenkt und es entsteht eine Bewusstheit darüber, dass ich nicht mein Körper, meine Gefühle, Gedanken bin.

Damit erleben und lernen wir, eine gesunde Distanz gegenüber den Gedanken, Gefühlen und körperlichem Unwohlsein zu entwickeln. Wir erleben uns im Hier und Jetzt – frei von vorsorglichen Ängsten, die in die Zukunft gerichtet sind, und von Gedankenschleifen, die sich mit vergangenen Ereignissen beschäftigen.

Wir begeben uns auf einen Weg, auf dem wir uns selbst (und in der Folge auch andere) (vor)urteilsfrei sehen, uns in unserem So-sein wertschätzen und ablassen von Bewertungen ... Sitzung für Sitzung ... für Sitzung ...


Mit Achtsamkeitstraining besser auf sich achten

Achtsamkeitsmeditationen führen in die Entspannung und helfen dem Übenden gleichzeitig, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Das Körperempfinden wird geschult, in einer ruhigen, sicheren, wertschätzenden und strukturierten Atmosphäre.

Während der Meditationen nimmt man sich bewusst Zeit für sich und nimmt sich wahr mit all seinen fortwährenden Gedanken und Gefühlen und Empfindungen, ohne sie zu beurteilen. Sie dürfen sein, werden nicht als unzulässig weggedrängt.

Dadurch kann beispielweise auch ein Bewusstwerdungsprozess angestoßen werden darüber, wo die eigenen Grenzen sind.

Auf der körperlichen Ebene forschen wir dann nach und fragen:

Wo in meinem Körper fühle ich Verspannungen? Was will mir mein Körper sagen? Was ist ihm zu viel? Was braucht er? ...

Und auf der psychischen Ebene achten wir auf unsere Gefühle und Bedürfnisse, indem wir uns selbst oder im Rahmen eines Coachings fragen:

Wie geht es mir eigentlich? Ist es wirklich in Ordnung, dass ich es anderen Menschen immer recht mache? Welche Wünsche, Sehnsüchte habe ich in meinem Leben? Was brauche ich? ...


Qualitäten des Herzens

Wer in einem sozialen Beruf tätig ist, bringt Tag für Tag viel von sich nach außen. Soziale Arbeit ist fordernd. Das macht verletzlich und birgt Risiken, verspricht aber auch die Verwirklichung eigener Ideale. Für professionelle Helfer ist die Versuchung groß, ihr Selbstbild an ihr soziales Tun zu hängen und sich in Projektionen zu verlieren.

Zahlreiche Theorien und Konzepte verdeutlichen schlüssig, wie soziale Arbeit am besten funktionieren kann. Zusammen mit Techniken, Interventionen und Methoden bilden sie den Schwerpunkt in der Ausbildung von Pflegekräften, Sozialarbeiter/innen, Erzieher/innen, Lehrer/innen, Medizinern oder Therapeuten.

Befragt man professionelle Helfer nach dem (ursprünglichen) Grund für ihre Berufswahl, werden oft grundlegende Bedürfnisse wie die Weitergabe von Menschlichkeit, Achtung, Wertschätzung und Respekt genannt, häufig auch die Sehnsucht nach einer sinnvollen Aufgabe.

Diese Qualitäten sind schwer in Begriffe zu fassen. Denn es sind keine Fähigkeiten des Verstandes sondern des Herzens.

Die Essenz ist Mitgefühl. Und die Entwicklung von Mitgefühl lässt sich durch klassische Lehrpläne kaum vermitteln. Qualitätsanforderungen und Dienstleistungsansätze geben nur matt wider, was das Wesentliche bei der Arbeit mit Menschen ist. Mitgefühl sprengt Standards, Theorien und Konzepte. Es eignet sich nicht als Fach, das man pauken und dann in Prüfungen bewerten kann.

Wahres Mitgefühl folgt eigenen Regeln, ist jedes Mal anders und hat eine heilende Wirkung.

Ohne Mitgefühl bleibt soziale Arbeit eine Ware. Wer mit sich selbst ehrlich ist, stellt dann oft fest, dass es ihm in Wirklichkeit weniger um die Begegnung und das respektvolle Verstehen und Begleiten anderer Menschen geht, sondern eher um die Abwehr von Schuldgefühlen oder die Erfüllung gesellschaftlicher Konventionen.


Im Sog eigener und fremder Erwartungen

Wer sozial tätig ist, kann sich leicht im Trubel der täglichen Anforderungen verlieren: Enge Zeitfenster, genaue Vorschriften und hohe Ansprüche an Effizienz und Zielorientierung laden Pädagogen, Helfer, Pfleger, Therapeuten und Mediziner dazu ein, bis zur Erschöpfung Leistung zu erbringen. Das Gefühl, eigentlich noch mehr tun zu müssen, ist dann ein ständiger Begleiter. Das fordert jedoch auf Dauer einen hohen Preis.


Achtsames Essen, achtsames Atmen, Gehen und Sprechen ist kein Luxus

Es gehört zu den wichtigen Fähigkeiten, die wir brauchen, um anderen Gutes zu tun, genau wie Qualität, Menschlichkeit, Wertschätzung, Respekt und Sinngebung, die wir brauchen, um dauerhaft kraftvoll zu bleiben und mit Spaß und Motivation unsere Arbeit zu tun.


Der „Lebensraum“ dieser Werte sind die „leeren Räume“ der zwischenmenschlichen Begegnung. Das ist die Zeit, die es braucht, um sich auf etwas einzulassen.

Genaugenommen ist es keine Zeit, sondern ein innerer Zustand, der Platz bietet, für den gegenwärtigen Moment – Achtsamkeit.

Wer diesen Platz in sich schafft, kommt in Verbindung mit der Gegenwart. Er wird gegenwärtig, bekommt Präsenz.

Präsenz ist eine positive Kraft.

Ohne sie ist Einfühlung und aufrichtige Anteilnahme kaum möglich.


Für Mitgefühl braucht es unsere Gegenwärtigkeit. Dieses respektvolle Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen unterscheidet sich vom intellektuellen Verstehen und ist auch kein Mitleid. Mitgefühl verbindet uns und andere wieder mit unserer Lebenskraft, macht innerlich satt und enthüllt Lösungen, die vorher nicht sichtbar waren. Ist man zu schnell – und unachtsam -, kann dieser Kontakt nicht hergestellt werden.


Echter Kontakt – mit uns selbst und mit anderen – ist auch wichtig, um Informationen über die Wirkung unserer Handlung zu bekommen und daraus zu lernen. Darum geht es in der Persönlichkeitsentwicklung und im Coaching. Wir kommen in Kontakt mit unseren wahren Motivationen, Gefühlen und Bedürfnissen und verstehen besser, wie es zu bestimmten Situationen kommt. Altes und wiederkehrende destruktive Verhaltensmuster können losgelassen werden, was zu mehr Gelassenheit führt. Mehr Platz im Inneren.

Wer aufmerksam für die Wirkung seiner eigenen Handlungen ist, wird auch aufmerksamer für sein Gegenüber. Das gilt ebenso für unsere Denkweise und unsere Sprache.


Achtsamkeit bezüglich der eigenen Denkmuster und Sprache

Menschen orientieren sich anhand ihrer inneren Landkarte, die durch Erfahrungen geformt wird. Auch fremde Erfahrungen und Bedeutungen sind hier enthalten. Kinder lernen das Sprechen zunächst durch die Nachahmung der Sprache ihrer Eltern. Sie übernehmen mit der Alltagssprache ihrer Eltern und ihres weiteren Umfeldes auch deren Denkgewohnheiten. Diese werden besonders in Stresssituationen virulent.


Wie meinen Sie das? Fallbeispiel aus der Praxis

Eine Projektleiterin, die schon seit längerem mit Erfolg daran arbeitete, Dinge weniger persönlich zu nehmen, hatte es sich zur Regel gemacht, in schwierigen Situationen erst mal beim Gegenüber nachzufragen, wie eine Aussage denn gemeint sei, um sich nicht sofort in eigene Urteile und Interpretationen zu verstricken. Schwierige Situationen hatte sie durch die Frage „Wie meinen Sie das?“ schon so manches Mal erfolgreich entspannen können.

Nun war es ihr aber passiert, dass diese Frage heftige ablehnende Reaktionen bei ihrem Gegenüber ausgelöst hatte. Die Klientin war ratlos und verunsichert. Was machte sie falsch? In der Beratung erinnerte sie sich an den realen Arbeitskontext, in dem ihre Frage „Wie meinen Sie das genau?“ die Situation noch verschärft hatte und stellte diese nach. Um in Kontakt mit der Energie des Satzes zu kommen, wiederholte sie dazu die Frage mehrmals und erlebte dann im Rahmen einer Aufstellung selbst, wie die Frage beim Gegenüber angekommen war.

Sie war entsetzt, wie scharf und spitz ihr eigentlich freundlich gemeinter Satz „Wie meinen Sie das?“ wirkte.

„Das hört sich ja an wie bei einer polizeilichen Ermittlung! Bin ich wirklich so provokativ?“, fragte sie mich.

In der weiteren Beratung arbeitete die Klientin an den damit verbundenen Gefühlen und Bedürfnissen und fand eine neue innere Haltung, die sich äußerlich in einer leicht anderen Betonung der Frage und in geänderter Körpersprache ausdrückte.

Der Satz blieb der gleiche, aber die Wirkung änderte sich.

Wie stark innere Dialoge unsere Gefühle beeinflussen und neben unserem inneren Erleben auch unsere äußere Wirklichkeit mitgestalten, zeigt folgendes Beispiel:


Praxisfall Pflegedienstleitung

Die erfolgreiche Leiterin eines Pflegedienstes konnte trotz der regelmäßigen Praxis von Entspannungsübungen nur schwer Abstand von der Geschäftigkeit und Schnelligkeit ihres Alltags finden. Selbst bei den Übungen fühlte sie sich gestresst und konnte kaum neue Kraft sammeln. Als sie im Einzel-Coaching in Kontakt mit ihren inneren Dialogen kam, gebrauchte sie oft das Wort „muss“ in verschiedenen Formen. Beim Arbeiten mit diesem Wort zeigte sich, dass sie mit „müssen“ die Übertragung der eigenen Kraft auf jemand anderen oder etwas anderes verband und zudem damit ein erhöhtes Tempo gespeichert hatte. Mit ihren unbewusst gewordenen Sprachspeicherungen lud sie Pausenlosigkeit und Energieverlust immer wieder neu in ihr Leben ein und aktivierte negative Gefühle. Nebenbei wurde ihr bewusst, dass „müssen“ auch auf einer anderen Ebene Wirklichkeit geworden war: In den letzten zwei Jahren war sie wiederholt wegen einer Blasenentzündung beim Arzt gewesen.

Die Sprache, die wir (unachtsam) gebrauchen, um unsere Probleme zu lösen, erhält also nicht selten genau diese Probleme aufrecht, indem die damit gespeicherten alten Gefühle, Denk- und Handlungsmuster immer wieder aufgerufen und an andere gesendet werden.

So kommt auch hier wieder das Thema Achtsamkeit ins Spiel.

Werden wir uns nämlich unserer unbewussten Haltungen, Glaubenssätze und Muster bewusst, können wir sie verändern.

Das kann uns zu mehr Bewusstheit, Freude und Kraft führen, die wir dann in unserem privaten und beruflichen Leben zur Verfügung haben. Und nicht zuletzt auch zu einem gesunden Mitgefühl für uns selbst und für andere.

Dann kommen wir vielleicht zu dem Schluss, dass wir es uns gar nicht leisten können, unachtsam mit unserem Körper, unseren Gedanken und Gefühlen und in unserer Kommunikation und unserem Verhalten zu sein.

Oder - um es mit den Worten des vietnamesischen Meditationsmeisters Thich Nhat Hanh zu sagen ...

„Jeder Augenblick ist ein Geschenk des Lebens.“

Weiterführende Literatur:

Jon Kabat-Zinn: Achtsamkeit & Meditation im täglichen Leben, arbor-Verlag

Jon Kabat-Zinn: Stressbewältigung durch die Praxis der Achtseimkeit, arbor-Verlag

Thich Nhat Hanh: Friede mit jedem Atemzug, Goldmann München

Luise Reddemann:Imagination als heilsame Kraft, Klett-Cotta Stuttgart

Daniel Kahneman: Thinking, fast and slow, Allen Lane Paperback, S. 53

Ulrich Pfeifer-Schaupp :Achtsamkeit in der Kunst des (Nicht)-Helfens, arbor-Verlag

Jan Chozen Bays: Achtsam durch den Tag, 53 federleichte Übungen zur Schulung der Achtsamkeit

Jan Eßwein: „Achtsamkeitstraining“, Gräfe und Unzer Verlag