14.12.2016
Prof. Dr. Axel Benz

Systemische Beratung - Eine Erfolgsgeschichte

Der Patient wird nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Systems. Mit den Methoden der Systemischen Therapie werden komplexe Beziehungs- und Kommunikationsgeflechte in Organisation und Gesellschaft analysiert und verändert. #


Vorgeschichte

"Ein Mensch ist krank. Er muss geheilt werden ." Dieses Bild ist für die Medizin derart naheliegend, dass es erst sehr spät in Frage gestellt wurde [Det83]. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Psychotherapie zunächst nur in den Kategorien " Patient" und "Therapeut" denken konnte.

Die "Doppelbindungstheorie", die 1956 von einer Forschungsgruppe um Gregory Bateson vorgestellt wurde, gilt als Geburtsstunde einer neuen Sichtweise. Sie stellt einen kommunikationstheoretischen Ansatz dar, schizophrenes Verhalten zu erklären und wird durch drei Umstände charakterisiert:

  • einer Person werden zwei sich widersprechende Handlungsanforderungen gestellt, die beide zu Bestrafung führen.
  • Es herrscht ein Verbot der Metakommunikation, das Dilemma darf nicht sprachlich aufgedeckt werden.
  • Es ist der Person unmöglich, die Szene zu verlassen. [Arn96]

Diese drei Umstände sind häufig in Systemen erkennbar, in denen Schizophrenie vorkommt.

Neu ist hier, dass mindestens eine weitere Person, nämlich die, welche die Gebote und Verbote aufstellt, involviert ist. Der Patient wird nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Systems. Dieser Paradigmenwechsel öffnete das Tor für die Entwicklung der Familientherapie und deren Verallgemeinerung als Systemische Therapie. [Schli95]


Gründer und Gründerinnen

Salvador Minuchin entwickelte in den 70er und 80er Jahren die " strukturelle Familientherapie". Er begriff jede Familie als eigene Kultur (wie ein Volksstamm, der von einem Ethnologen untersucht wird) und sieht die Aufgabe des Therapeuten darin, die Struktur dieser Kultur zu verstehen. Seine Prämisse ist, dass Familien gut funktionieren, wenn die Hierarchien intakt und die Grenzen weder zu schwach noch zu stark sind [Schli95]. Minuchin wurde bekannt durch die Methode der Provokation, was man heute als " paradoxe Intervention" bezeichnen würde.


Auch bei Maria Selvini-Palazzoli verändert sich die Arbeitsweise weg vom Individuum hin zur relevanten Gruppe, die das Individuum umgibt. Das " Mailänder Modell" (1971) um Selvini-Palazzoli führt das klassische Setting ein: Ein oder zwei Therapeuten sitzen mit der Familie im Raum, während ein oder mehrere Therapeuten hinter einer Einwegscheibe sind, um zu beobachten und eventuell Vorschläge machen. Ziel des Interviews durch die Therapeuten ist es, möglichst viele Informationen über die " grundlegende Paradoxie " zu erhalten. Kurz vor Beendigung der Sitzung wird eine Besprechungspause gemacht, in der mit allen beteiligten Therapeuten eine abschließende Intervention, Empfehlung oder Aufgabe für die Familie überlegt wird. [Schiff11]


Ein differenziertes Erklärungsmuster der familiären Psychodynamik entwickelte in den 80er-Jahren Helm Stierlin mit dem " Heidelberger Modell". Dieses Modell betrachtet " vertikale" (generationsübergreifende) und " horizontale" (generationsimmanente) Aspekte unter den folgenden fünf Hauptgesichtspunkten:


  • Die Ausbildung des Individuums, besonders unter dem Aspekt der Ausbildung der Beziehungen zu anderen.
  • Der Ablösungsprozess im Jugendalter, besonders unter dem Aspekt der Balance von Bindung und Ausstoßung.
  • Aufträge, die sich Familienmitglieder implizit oder explizit gegenseitig erteilen.
  • Vermächtnisse, die von einer Generation an die nächste übergeben werden und Verdienste zwischen Generationen
  • Gegenseitige Bedrohungen, Machtkämpfe, Lähmungen und Behinderungen.

Als besonders wichtige Grundlagen der therapeutischen Interventionen werden Allparteilichkeit, Aktivität, Betonung des Positiven und die Mobilisierung der Ressourcen der Familie hervorgehoben [Kriz94].


Die Betonung der Ressourcen wird in den späten 80er-Jahren von Virginia Satir in den Vordergrund gestellt. Ihre Prämisse ist "Die Vorstellung, dass der Mensch von Grund auf gut sei und in der Lage, mit den Schwierigkeiten des Lebens fertigzuwerden, in einer Weise, die auf Respekt und Liebe basiert, wenn der Betreffende die Möglichkeit hat, sich wirklich frei zu entscheiden." [Schli95]


Ziel der Therapie ist das Selbstwertgefühl. Satir nennt vier Überlebensstrategien, die dem Selbstschutz dienen, aber letztendlich pathogen sind: Beschwichtigen, Anklagen, übermäßig rational sein, irrelevantes reagieren (Klassenclown). Dagegen stellt sie die " fünf Freiheiten":


  • Die Freiheit zu sehen und zu hören, statt zu sehen und zu hören was sein sollte oder einmal sein wird,
  • die Freiheit zu sagen, was du fühlst und denkst, statt zu sagen, was du darüber sagen solltest,
  • die Freiheit zu fühlen, was du fühlst, statt zu fühlen, was du fühlen solltest,
  • die Freiheit um das zu bitten, was du möchtest, statt immer auf die Erlaubnis dazu zu warten,
  • die Freiheit um der eigenen Interessen willen, Risiken einzugehen, statt sich dafür zu entscheiden "auf Nummer sicher zu gehen" und "das Boot nicht zum Kentern zu bringen".

Satir postuliert, dass " Kongruenz" (Authentizität) der Schlüssel zur Salutogenese ist, was Sie unter dem Begriff "wahre Ja's und wahre Nein's" zusammenfasst. Ihr wichtigster Beitrag zur systemischen Therapie ist sicherlich die Etablierung der Methode " Familienskulptur", die sich als " Stellen" (Familienstellen, Organisationsaufstellung) in vielfacher Weise einsetzbar erweist [Sat2000].


Weiterentwicklung

In den 90er- Jahren bilden sich verschiedene Zweige heraus, die spezielle Aspekte der Systemischen Therapie betonen. Aus den Ingenieurswissenschaften wurde der Begriff "Kybernetik zweiter Ordnung" entlehnt, um darzustellen, dass die Therapeuten als Teil des Systems wahrgenommen werden müssen. Dies bedeutet ein völlig neues und wesentlich weniger autoritäres Rollenbild des Therapeuten.


Tom Andersen entwickelte in dieser Denkschule ein neues Setting: Die Familie hört hier die Gespräche der Therapeuten hinter der Scheibe mit, die Therapeuten werden zum " Reflecting Team", was große (positive) Effekte auf den Therapieverlauf hatte [And90].

Einen anderen Akzent setzen die " narrativen Ansätze", die der Sprache und insbesondere Geschichten und Bildern eine sehr große Macht über den Therapieverlauf beimessen. Michael White erkannte, dass die Realitäten in Systemen von Geschichten aufgebaut werden und setzte als Leitfrage der Therapie: "Welchen Geschichten erlaubst Du, Dein Leben zu regieren? " [Whi89]

Steve de Shazer beschrieb die "Lösungsorientierte Kurztherapie ", in der Therapiegespräche von der ersten Frage an auf die Lösung konzentriert sind und setzte sie unter den Leitsatz " Problem talk creates problems, solution talk creates solutions! " [Sha89]

Die Wunderfrage ist die bekannteste von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelte Technik. Sie kreist um das Bild "Wenn das Problem durch ein Wunder plötzlich weg wäre ... " und generiert für das System des Patienten oft überraschende Einsichten und Handlungsalternativen [Jae08] [Schli95].

Dies sind nur einige der Wegbereiter der Systemischen Therapie. Einen umfassenden Überblick gibt zum Beispiel das "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung" Arist von Schlippe [Schli13].


Offizielle Anerkennung

Obwohl der Systemische Ansatz schon seit vielen Jahrzehnten in der Psychotherapieszene seinen festen Platz hat, erhält er erst in jüngster Zeit die Anerkennung von offizieller Seite. Am 14.12.2008 erfolgt die Berufsrechtliche Anerkennung durch den Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie. Mit einer Ausbildung zum Systemischen Therapeuten kann nun unter bestimmten Voraussetzungen die Approbation als Psychotherapeut mit erlangt werden [WissBe08]. 18.4.2013 begann der Prozess der sozialrechtlichen Anerkennung [SysGe13], dessen Ziel die Anerkennung der Systemischen Therapie durch die gesetzlichen Krankenkassen ist.


Die Breitenwirkung

Heute hat neben der Systemische Therapie die Systemische Beratung (die "Systemische Therapie mit Gesunden") ihren Siegeszug in die Mitte der Gesellschaft angetreten. Mit den Methoden der Systemischen Therapie werden komplexe Beziehungs- und Kommunikationsgeflechte in Organisation und Gesellschaften analysiert und verändert. Systemische Berater sind in vielen Bereichen der Gesellschaft wie sozialen Einrichtungen, Industrie, Verwaltung oder Politik tätig.


Systemische Beratung in Unternehmen

"Unternehmen sind oftmals undurchschaubare Gebilde, in denen Konkurrenz herrscht und unsichtbare Regeln gelten. Nur wer diese kennt und offenlegt, kann eine Firma besser und effektiver machen. [Bul14]" In Anlehnung an Andersons "Reflective Team" suchen Systemische Berater in Unternehmen die Lösungsfindung in der Organisation selbst als kompetenteste Expertin für die eigene Kultur (vgl. Minuchins Ansatz), statt davon auszugehen, dass Experten von außen Lösungen vorschreiben können. Der Systemische Berater sieht seine Aufgabe darin, die richtigen (auch evtl. provokanten) Fragen zu stellen.


Coaching - eine neues Label für die Systemische Beratung

Eine Abgrenzung zwischen dem Begriff " Systemischer Berater" und "Coach" zu suchen ist nicht nötig - es sind Synonyme. Coaching sagt sich leichter, klingt und ist moderner - und wird auch von mehr Menschen verstanden, da das Bild des Mannschaftstrainers, das der "Coach" ursprünglich ist, sehr viel mit dem Coach als Systemischem Berater zu tun hat. Es ist unvermeidlich, dass die Methoden der Systemischen Therapie mittlerweile auch im Leistungssport einen festen Platz einnehmen [Spo14]. Anzumerken ist allerdings, dass nicht alle Coaches systemisch basiert arbeiten. Aber jeder systemische Berater kann Coaching-Prozesse begleiten.



Organisationsaufstellung

Die Methoden der Systemischen Therapie, insbesondere das Aufstellen, werden mit Erfolg in der Unternehmensberatung angewendet. Kristina Erb, eine der Koryphäen auf diesem Gebiet, schreibt hierzu:

" Der entscheidende Unterschied zwischen einer Organisationsaufstellung und einer Familienaufstellung ist: Ein Familiensystem kann man nicht verlassen, man gehört dauerhaft dazu. Für ein Organisationssystem entscheidet man sich und hat die Wahl, es zu verlassen. Wichtig vor Beginn einer Aufstellung im beruflichen Kontext ist, den Auftrag mit dem Klienten genau abzuklären: Möchte er auf rein beruflicher Ebene arbeiten oder dürfen auch auftauchende persönliche Dinge, die z. B. aus seinem persönlichen Umfeld bzw. seiner Familie auf sein Arbeitsumfeld einwirken, bearbeitet werden? Gerade Aufstellungsneulinge sind oft nicht darauf vorbereitet, dass sehr persönliche Themen auftauchen können. Ein sehr interessantes Phänomen, das sich oft bei Aufstellungen beobachten lässt, ist, dass häufig Mitarbeiter den Platz in einem Unternehmen suchen oder finden, der ihnen vom Familiensystem her vertraut ist. Hat jemand z. B. im Familiensystem eine Außenrolle, nimmt er diesen Platz oft auch im Arbeitssystem ein. Umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit beiden Systemen und Kenntnisse des Aufstellungsleiters über Wandlungsprozesse sind hierfür erforderlich. Ein Beispiel: Einem Akademiker fiel es schwer, eine ausbildungsadäquate Stelle zu finden und zu halten. Jedes Mal, bevor er den Erfolg seiner Arbeit ernten konnte, gab es einen Grund zu gehen. Was hinderte ihn an seinem beruflichen Erfolg? In einer durchgeführten Aufstellung zeigte sich, dass er sich sehr verbunden mit seinem Großvater fühlte, dem es aufgrund mangelnder Ausbildung nie gelungen war, über ein Minimum hinaus seine Familie zu ernähren. Dadurch, dass ihm der Vorgang bewusst wurde und er seinen Großvater zukünftig "auf andere Weise würdigen konnte", gelang es ihm beruflich, erfolgreicher zu handeln. Solch unbewusste Loyalitäten zu einem Familienmitglied treten häufig auf und oft bringt schon die Frage nach "wem ist es in der Familie ähnlich gegangen, wer hatte z. B. keinen Erfolg, wer hat immer kurz vor dem Ziel aufgegeben?" erstaunliche Erkenntnisse. [Erb02]"


Politische Aufstellungen

Gerade in Bereichen, in denen Sprache kein hinreichendes Medium für eine therapeutische Arbeit ist, wie in der Arbeit im Schwersttraumatisieren aus Krisengebieten, lässt sich die Methode der Aufstellung erfolgreich anwenden. Diese wurde z.B. mit Opfern des ruandischen Genozids praktiziert [Mahr04].


Fazit

Der Blick der systemischen Arbeit auf das Umfeld und die Ressourcen hat eine wertvolle neue Herangehensweise eröffnet, die heutzutage aus der Therapie und Beratung nicht mehr wegzudenken ist.


Literatur

[And90] Tom Andersen (Herausgeber): Das reflektierende Team. Dortmund: Modernes Lernen, 1990

[Arn96] Arnold, Eysenck, Meili: Lexikon der Psychologie. Double-bind-hypothesis, S. 390, Bechtermünz Verlag, 1996, ISBN 3-86047-508-8

[Bos81] Boszornemyi-Nagy, I., Spark, G. (1981): Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. Stuttgart: Klett

[Bul14] Franziska Bulban Consulting in lieb: Wie systemische Berater arbeiten. Die Firma als Familie http://hochschulanzeiger.faz.net/consulting-in-lie... 15.04.2014

[Det83] Thorwald Dethlefsen, Rüdiger Dahlke: Krankheit als Weg, München: Bertelsmann

[Erb05] Kristie Erb: Ganzheitliches Management. In: Natur und Heilen 5/2002

[Jae08] Eva Jaeggi, Volker Riegels: Techniken und Theorie der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, Stuttgart: Klett-Cotta, 2008

[Kriz94] Jürgen Kriz: Grundkonzepte der Psychotherapie. Eine Einführung. Beltz Psychologie Verlags Union, 4. Aufl. Weinheim 1994

[Mahr04] Albrecht Mahr: Ruanda. Bericht von einem Besuch 10 Jahre nach dem Völkermord. in: Praxis der Systemaufstellung 1/2004

[Min81] Minuchin, S., Rosman, B. L., Baker, L. (1981): Psychosomatische Krankheiten in der Familie. Stuttgart: Klett-Cotta

[Sat2000] Virginia Satir,John Banmen, Jane Gerber, Maria Gomori: Das Satir-Modell Familientherapie und ihre Erweiterung. Junfermann-Verlag, Paderborn: 2000

[Sha89] Steve de Shazer: Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie, Heidelberg: Auer, 1989

[Schiff11] Brigitte Schiffner: Einladung zur Systemischen Supervision http://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-367-0.volltext.frei.pdf, kassel university press GmbH: 2011

[Schli95] Schlippe, Molter, Böhmer: "Zugänge zu Familiären Wirklichkeiten", in Systema Sonderheft 1/95, 9. Jahrgang

[Schli13] Arist von Schlippe: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2013

[Spo14] Deutsche Sporthochschule Köln: Sportpsychologische Fach- und Prozessberatung http://www.dshs-koeln.de/psi/mentalgestaerkt/NEWS/... Abrufdatum: 30.11.2014

[SysGe13] http://systemische-gesellschaft.de/news/g-ba-pruef... Abrufdatum: 30.11.2014

[Whi89] Michael White: Der Vorgang der Befragung: eine literarisch wertvolle Therapie? in: Familiendynamik 14(2), S. 114-128

[WissBe08] Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Systemischen Therapien, http://www.wbpsychotherapie.de/page.asp?his=0.113.... Abrufdatum: 30.11.2014